Hervorgehoben

Willkommen auf „G’n’S“

Liebe Leserinnen und Leseriche,

schön, dass ihr euch hierher verirrt habt. Das ist der Blog „Grapes’n’Soulfood“ von und mit mir, Veronika Lackerbauer. Ich bin Autorin, Genießerin, Weltenbummlerin von irdischen und phantastischen Welten und ich möchte euch gerne mit nehmen auf meine Reisen. Hier gibt es Beiträge zu verschiedensten Themen, die mich umtreiben. Ich erzähle euch von meiner Schreiberei, von Literatur ganz allgemein, aber auch von Filmen, Serien und immer auch von Genuss.

Kommt mit und macht es euch bequem. Schmökert gleich mal los in einer der Kategorien:

Viel Spaß wünscht,
eure

Vom Leben und Schreiben unter der Corona-Pandemie

Am kommenden Wochenende wäre eigentlich der Höhepunkt des Jahreskalenders für die Schreibende Zunft: Frankfurter Buchmesse. In den letzten Jahren war ich zwar nicht jedes Jahr in Frankfurt auf der Messe, aber am Messe-Samstag gehörte der BuCon (Buchmesse-Convent der Fantasy-Community in Dreieich) zu meinem festen Programm. Dieses Jahr ist coronabedingt alles anders. Von den Veränderungen und Erfahrungen, die Corona über mein Autorinnen-Dasein gebracht hat, möchte ich heute ein bisschen erzählen.

Und wir dachten noch, 2019 wär kacke gelaufen …

Das Jahr 2019 war für viele Buchschaffende schon echt nicht einfach. Von den drei großen Zwischenhändlern, die die Verlage an den stationären Buchhandel anbinden, ging erst einer pleite und dann begann auch noch der zweite damit, auszulisten. Gerade viele kleine Verlage und Selfpublisher waren von beiden Ereignissen massiv betroffen. Die Insolvenz von KNV riss etliche Kleinverlage mit ins Verderben und andere verloren durch die Sortimentsreduzierung von Libri einen Großteil ihrer Sichtbarkeit bei den Buchhändlern. Obwohl mich beides nicht unmittelbar betreffen hätte müssen, spürte auch ich die Einbrüche in meinen Absätzen empfindlich. Meine Selfpublishing-Bücher habe ich fast alle bei BoD und BoD war von der Auslistung bei Libri nicht betroffen, trotzdem war 2019 auch bei mir ein schlechtes Jahr. Verkäufe und Umsätze zeigten im Vergleich zu 2018 und 2017 deutlich nach unten.

Umso mehr hofften alle auf 2020. Und dann … kam Corona.

Von Vollbremsung bis freier Fall

Im Februar war ich zum letzten Mal auf einem Künstlermarkt. Normalerweise sind die Hobby-Künstlermärkte in Landshut, Dingolfing, manchmal auch Freising, Erding oder Wasserburg, meine wichtigsten Absatzmärkte. Märkte, Messen und Cons gehören in normalen Jahren zu den Fixpunkten im Kalender. Im direkten Kontakt zu Leserinnen und Lesern lassen sich Bücher abseits des Mainstreams der großen Buchverlage am besten verkaufen. Am 15. März endete diese Verkaufsmöglichkeit jäh und endgültig. Inzwischen haben wir Oktober und es findet noch immer nahezu nichts dergleichen statt.

Aus gutem Grund natürlich, darum soll es hier gar nicht gehen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind richtig und wichtig. Wir alle tragen die Mit-Verantwortung dafür, dass wir unsere Gesundheit und die unserer Mitmenschen erhalten. Das steht für mich außer Frage.

Aber wir Autor*innen und Verleger*innen sind in großer Zahl Soloselbstständige, die davon leben, dass sie ihre Bücher verkaufen. Kleine Verlage sind oft One-(Wo)Man-Shows, die sowieso noch nebenher „normal“ arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Da steckt viel Herzblut, Idealismus und Kampfgeist hinter jeder geschriebenen Zeile und jedem gedruckten Buch. Die Budgets sind klein, die Spielräume begrenzt. Schon unter normalen Umständen muss jede Veröffentlichung wohl überlegt sein, weil sie Kosten für Cover, Lektorat, Werbung etc. verursacht und am Ende trotzdem noch ein klitzekleiner Gewinn für Verlag und Autor*innen übrigbleiben sollte.

Schockstarre und vorsichtige Versuche, irgendwie weiterzumachen

Vier Tage vor dem Beginn wurde die Leipziger Buchmesse doch abgesagt. Es war ein Paukenschlag und steht symbolisch für das, was uns zwischen März und Juli 2020 völlig unvorbereitet getroffen hat: Lock-down, Social Distancing, Homeoffice und Homeschooling. Gut, allein zuhause auf der Couch oder dem Küchentisch zu arbeiten, ist jetzt für Autor*innen nichts Neues, das machen die allermeisten von uns immer so. Dazu kam aber die Familie, die plötzlich auch „von zuhause“ aus lernte, arbeitete und lebte. Mich zumindest – obwohl ich nicht behaupten will, dass ich unter den Einschränkungen besonders arg gelitten hätte – hat das komplett aus meiner Schreibroutine geworfen. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, ich hatte in dieser ersten Krisenphase eine Schreibblockade.

Von Kolleg*innen, die feste Verträge mit teils großen Verlagen hatten, hörte ich, dass Projekte nicht nur aufgeschoben, sondern vielfach einfach gestrichen wurden. Verlage haben eine enge Taktung, jede Veröffentlichung ist genauestens geplant, es gibt Deadlines, die einzuhalten sind. Da ist nicht viel mit Schieben. Vor allem, wohin? Veröffentlichungen fallen sinnvollerweise mit den großen Buchmessen zusammen, damit die Neuerscheinung gleich eine würdige Plattform hat, um aufzufallen. Wohin sollte man sie schieben, wenn auf absehbare Zeit keinerlei solche Veranstaltungen mehr stattfinden würden?

Die kleinen und Kleinstverlage, mit denen ich zusammenarbeite, wenn ich nicht gleich im Alleingang veröffentliche, haben keine Bücher gecancelled. Sie haben geschoben und wieder verschoben und schieben weiter. Inzwischen sind einige Bücher erschienen. Trotzige Symbole von Kampfgeist und Überlebenswillen. Kleinverlage und Solo-Autor*innen wollen Bücher machen. Sie tun das aus einem inneren Zwang, weil es ihnen ein Bedürfnis ist, ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Wir müssen das tun. Wir können gar nicht anders. Da die wenigsten von uns allerdings auch schon vor Corona wirklich davon leben können, sind wir nicht oder nicht vollständig auf die Buchumsätze angewiesen. Wir tun also das, was wir immer getan haben: Arschbacken zusammenkneifen und gegen den Sturm anschreiben.

Rückzug ins Digitale oder: Die Sache mit der Reichweite

Natürlich findet auch auf dem Buch-Sektor längst – unabhängig von Corona – vieles digital statt. E-Books liefen Prints schon vorher den Rang ab. Buchwerbung geschieht vielfach über Soziale Medien, Homepages, auf youtube und so weiter… Und dennoch hat diese „schöne neue Buchwelt“ einen massiven Haken: die Reichweite! Um erfolgreich Bücher übers Netz zu verkaufen, brauchen Autor*innen und Verlage eine hohe Reichweite in Sozialen Netzwerken, bei Amazon etc. Das ist gar nicht so einfach und hängt oft nicht (nur) mit der Anzahl der Follower zusammen.

Selfpublisher müssen zusätzlich zu Autor*innen, Organisationstalenten, Koordinator*innen, Marketingspezialist*innen, Vertriebler*innen, Marktschreier*innen, Buchmarktexpert*innen, die sie sowieso schon sein müssen, auch noch Social-Media-Kompetenzen und ein gutes Händchen für Online-Marketing mitbringen. Wie viele gute Bücher mögen wohl schon in einem normalen Jahr, aufgrund von mangelnder Vermarktung, völlig sang- und klanglos erschienen und wieder verschwunden sein? Und jetzt noch unter Corona …

Meine persönlichen Versuche, trotz Corona Bücher zu verkaufen

Geschrieben habe ich während der ersten Welle des Corona-Virus erst einmal nichts oder sehr wenig. Aber immerhin fand ich die Zeit, endlich diesen Blog hier ins Leben zu rufen. Ich habe überhaupt viele Dinge gemacht, die liegen geblieben sind. Und ich habe mit meiner Familie gebastelt und eine „kontaktlose Bücher-Verkaufsstelle“ vor unsrer Haustür eingerichtet. Ich möchte nicht direkt sagen, dass es vergebens war, es kamen durchaus einzelne Käufer, manche vielleicht sogar erstmals und aus purer Neugierde. Aber wenn man bedenkt, dass ich auf einem Markt locker 20-30 Bücher verkaufe, war das jetzt nicht der große Wurf.

Die Online-Präsenz meiner Bücher und meiner Autorinnen-Profile habe ich versucht zu verstärken. Hab mir kleine Kampagnen, Gewinnspiele und Mit-mach-Postings ausgedacht, um die Reichweite zu steigern. Ein wenig ist mir das auch gelungen, aber ein messbarer Erfolg in Sachen Verkäufe war davon nicht zu spüren. Tatsächlich brachen die Absatzzahlen über die Sommermonate sogar fast vollkommen zusammen.

Meine geplanten Veröffentlichungen habe auch ich hintangestellt. Wie soll ich neue Bücher bewerben? Wie könnte ich ihnen überhaupt Aufmerksamkeit erzeugen? Neue Bücher kosten erst einmal Geld, bevor sie (vielleicht) welches einbringen. Ich muss sowieso querfinanzieren, damit sich meine Bücher halbwegs lohnen, schreibe dazu Artikel und Sachtexte, die ich verkaufe. Aber auch da ist die Nachfrage derzeit nicht so groß.

Schließlich bin ich zumindest die Schreibblockade angegangen. Im August habe ich mir eine Challenge gestellt, die sonst im November durchgeführt wird: den NaNoWriMo. Dazu habe ich euch schon vor ein paar Wochen einen Blogpost gemacht (hier). Mit Hilfe dieser Herausforderung von mir an mich ist es mir tatsächlich gelungen, wieder in den Flow zu kommen. Ein ganz neues Projekt ist dabei entstanden und das wird nun wohl auch in den nächsten Monaten das Licht der Welt erblicken.

Unterm Strich muss ich sagen, dass ich mich als überaus privilegiert empfinde. Denn ich bin zwar Autorin, aber ich bin eben nicht nur Autorin. Mein Brotjob und die Tatsache, dass ich nicht die Alleinverdienerin der Familie bin, ermöglichen es mir, trotz Corona und trotz Ausfällen – ja, sogar trotz Kurzarbeit – finanziell abgesichert zu sein. Das Geld fehlt, keine Frage. Aber es fehlt nicht existentiell. Und meine Überzeugung (und auch eine gehörige Portion Idealismus) sagen mir, dass es immer irgendwie weitergehen wird. Wir kämpfen. Denn die Alternative wäre Aufhören und das ist keine Option.

Ein deutscher Komplex: Baader-Meinhof

Die Geschichte der RAF beschäftigt mich tatsächlich schon ziemlich lange. 2008 saß ich im Kino in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ und war baff. Drei Stunde geballte Geschichtsstunde prasselten da auf mich ein und ich saß da und dachte: Wieso zum Henker weiß ich davon alles nix?! Der Geschichtsunterricht, den ich am Gymnasium genossen habe, hat mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geendet. Die Nachkriegszeit kam da nicht mehr wirklich vor. Und insgesamt verlor er sich auch sehr in Detailwissen, anstatt einen Überblick zu geben und Zusammenhänge zu vermitteln. Deshalb habe ich nach diesem Aha-Moment im Kino angefangen die deutsche Nachkriegsgeschichte selbst aufzurollen und für mich einzuordnen.

Logo der Roten Armee Fraktion

Ich habe den „Baader-Meinhof-Komplex“ nicht nur inzwischen ungefähr 1.000x gesehen, ich hab ihn auch gelesen. Das Buch von Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust ist zum einen ein Zeitzeugnis deutscher Geschichte, es rollt aber auch den gesamten Prozess gegen die 1. Generation der RAF auf. Zu verstehen, was da in den späten 60er und 70er Jahren passiert ist, trägt – meiner Meinung nach – auch dazu bei, nachzuvollziehen, welche Mechanismen in Deutschland bis heute vorherrschen. Wir haben zwei Weltkriege in unserer DNA und die Schreckensherrschaft der Nazis. Dort ist aber auch der Terror der Nachkriegszeit verankert. Dieser geht unmittelbar aus den Gräueltaten der Nazidiktatur hervor. Das eine ist ohne das andere kaum denkbar. Schauen wir uns diese Phase der Geschichte deshalb noch einmal genauer an.

Deutschland zur Stunde 0

Der zweite Weltkrieg und in Deutschland damit die Diktatur der rechtsextremen NSDAP endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Hitler und seine engsten Getreuen sind zu diesem Zeitpunkt bereits tot, feige in den Selbstmord geflohen. Eine Nation erwacht langsam aus der Angststarre. Seit sieben Jahren tobte der Krieg in Europa, zogen Männer, Greise und junge Burschen an die Fronten im Osten und im Westen und kehrten in Särgen oder überhaupt nicht zurück. Viele Städte liegen in Schutt und Asche, die Wirtschaft ist am Boden, die Menschen hungern.

In den nächsten Jahren kämpfen die Deutschen ums nackte Überleben. Sie räumen Schutt aus ihren Straßen, bauen Häuser. Vor allem Frauen leisten Unvorstellbares, um für sich und ihre Familien wieder eine lebenswerte Zukunft aufzubauen. Die Männer sind tot, vermisst oder schwer traumatisiert. Für viele ist nicht nur die äußere Welt zusammengebrochen. Sie haben an die Überlegenheit der deutschen Herrenrasse und an ihren Führer geglaubt. Jetzt stehen sie vor den Trümmern ihrer Überzeugungen. Die Nürnberger Prozesse sollen die Mitläufer von den Überzeugungstätern trennen und das millionenfache Unrecht sühnen, tatsächlich fällt die Aufarbeitung schwer.

Schau niemals zurück – die 50er

In den 50ern hat sich ein Graben manifestiert, der die nächsten Jahrzehnte durch Deutschland verlaufen sollte. Es gibt ein West- und ein Ostdeutschland, die BRD und die DDR. Im Westen greifen die Wiederaufbaumaßnahmen der Alliierten, vorwiegend der Amerikaner, rasch. Durch den Marshallplan fördern die USA die freie Marktwirtschaft im kapitalistischen Westen. Die Wirtschaft brummt wieder. Der VW Käfer wird zum Symbol des Wirtschaftswunders. Im Kino dominiert der Heimatfilm, leichte Schmonzetten garniert mit Schlagermusik. Die Deutschen möchten vergessen.

In diesem Klima wächst eine Jugendgeneration heran, die Fragen hat, aber keine Antworten bekommt. Sie erleben die Eltern und Großeltern als bieder und konservativ. Diese Generationen haben Hitler gewählt. Sie haben ihn zu ihrem unumstößlichen Führer gemacht, ihn verehrt und ihm hörig geglaubt. Durch ihre Untätigkeit wurden Konzentrationslager möglich, durch ihr Wegschauen – oder schlimmer noch! – durch ihr Zutun starben Millionen von Menschen in den Gaskammern, in Versuchslabors und auf den Schlachtfeldern. Dazu haben sie jetzt nichts mehr zu sagen?!

Sex, drogs & Rock’n’Roll – die 60er

Die Rolle der eigenen Eltern im Nationalsozialismus, aber auch die Beziehung zu Amerika und Russland treibt die Jungen um. In den 60er Jahren ist die Teilung Deutschlands durch den Bau der Berliner Mauer zementiert. Die USA und die Sowejtunion stehen sich unerbitterlich gegenüber, dem heißen 2. Weltkrieg folgt der Kalte Krieg. Westdeutschland ist Nato-Mitglied und die USA bringen Raketen auf deutschem Boden in Stellung. Dass Deutschland wieder eine Armee haben darf und zum Partner in diesem Wettrüsten wird, ist für viele, vor allem junge Menschen schwer zu ertragen. Darüber hinaus führt Amerika Krieg in Vietnam. Einer der vielen Stellvertreterkriege im Kalten Krieg.

Die Jugendkultur feiert den Rock’n’Roll. Sie tanzen und feiern. Aber sie protestieren auch. Gegen das Vergessen, gegen die Aufrüstung, gegen das Töten in Vietnam. Die Studentenbewegung ist eine Friedensbewegung, zunächst jedenfalls. 1968 ist das zentrale Jahr dieser Proteste. Hippies propagieren Blumen statt Gewehre, sie tragen die Haare lang, konsumieren Drogen und lieben sich frei und ungeniert. Die Stars der Szene treffen sich in Woodstock: The Beatles, The Who, Janis Joplin, Bob Dylan, Jimi Hendrix, The Rolling Stones.

Die 1. Generation

Zur selben Zeit radikalisiert sich im Umfeld der Studentenbewegung eine Gruppe junger Leute. 1968 sprengen sie in Frankfurt zwei Kaufhäuser, ihr Motiv: Hass auf den wachsenden Kapitalismus. Der Kopf der Brandstifter, Andreas Baader, wird verhaftet. Im Mai 1970 befreit eine Gruppe um seine Geliebte Gudrun Ensslin und die Journalistin Ulrike Meinhof Baader gewaltsam. Damit ist die Rote Armee Fraktion, kurz RAF, geboren. In einem Ausbildungscamp der palästinensischen Fatah in Jordanien lässt sich die Gruppe um Baader-Meinhof in Kampftaktik, Waffenkunde und Sprengstoffherstellung ausbilden.

Als Stadtguerillas nehmen sie nach ihrer Rückkehr ab 1971 den Kampf gegen das Estabilshment auf. Sie überfallen Banken, beschaffen Waffen und Ausrüstung und bauen ein Netz aus Sympathisanten auf. Ab 1972 überziehen sie Westdeutschland mit Bombenattentaten, u.a. auf Einrichtungen der amerikanischen Streitkräfte, der Springer-Presse, der Polizei und der Justiz. Die Ordnungshüter stehen dem neuartigen Ausmaß des Terrors zunächst hilflos gegenüber, dann jedoch formieren sie sich und holen zum Schlag aus. Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Karl Raspe werden am 1. Juni 1973 verhaftet, wenig später folgen Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof.

Kontrovers-Story zum „Deutschen Herbst“

Die 2. Generation

Während die prominenten Köpfe der 1. Generation der RAF in verschiedenen Gefängnissen auf ihren Prozess warten, übernimmt die zweite Riege das Kommando aus dem Untergrund. Erklärtes Ziel ab jetzt: das Freipressen der Gefangenen. Gegen Isolationshaft und Kontaktverbot rebelliert die Baader-Meinhof-Gruppe mit Hungerstreik und Protestaktionen im Gerichtssaal. Am 9. November 1974 stirbt Holger Meins in Folge des Hungerns im Gewahrsam der JVA. Eine Welle der Sympathie ist die Folge. Der Staat hat in seiner Funktion als Beschützer katastrophal versagt. Um eine erneute Gewalteskalation zu verhindern, werden die übrigen RAF-Strafgefangenen in Stuttgart-Stammheim zusammengelegt und genießen dort erhebliche Privilegien verglichen mit anderen Häftlingen.

Dennoch hat spätestens der Tod von Holger Meins die zweite Generation mobilisiert. 1975 besetzt ein Kommando der RAF die deutsche Botschaft in Stockholm. Sie nehmen Geiseln und fordern die Freilassung von 26 Verhafteten. Eine unkontrollierte Bombendetonation tötet Geiseln und Geiselnehmer. Brigitte Mohnhaupt übernimmt die Führung der RAF. Unter ihr wird das Jahr 1977 zum Terrorjahr. Im April erschießen zwei Terroristen vom Motorrad aus den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, im Juli wird Dresdner-Bank-Chef Ponto in seinem Haus ermordet, ein Anschlag auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe scheitert im August. Die Gewalt erlebt ihren Höhepunkt im sogenannten „Deutschen Herbst“: Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer, Kaperung der Lufthansamaschine „Landshut“ und ihre Befreiung durch die GSG9 auf dem Flughafen in Mogadishu.

Nachdem Scheitern der Lufthansaentführung und der Verhaftung der palästinensischen Verbündeten im somalischen Mogadishu begehen die Stammheimer Gefangenen kollektiv Selbstmord in ihren Zellen. Ihr bewaffneter Arm in der Freiheit ermordet daraufhin Hans-Martin Schleyer. Brigitte Mohnhaupt, Peter-Jürgen Boock und andere namhafte RAF-Terroristen fliehen in den Jemen.

Fahndungsfotos der führenden Köpfe der RAF

Die 3. Generation und die Auflösung der RAF

Auch in den 80ern kommt es noch vereinzelt zu schweren Anschlägen, die der RAF zugerechnet werden, darunter ein Bombenattentat auf die Basis Ramstein der US-Armee. Der Chef der Deutschen Bank Alfred Herrhausen wird 1989 Opfer eines Attentats der RAF. Doch die 3. Generation hat sowohl an Schlagkraft, wie auch an Unterstützern verloren. Dennoch erklärt die RAF erst 1998 ihre offizielle Auflösung. 26 RAF-Mitglieder wurden bis dahin zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 10 konnten nach ihrem Ausscheiden aus der RAF in Ostdeutschland untertauchen und bis zur Wiedervereinigung unter neuer Identität in der DDR leben. Im Juni 2011 wurde mit Birgit Hogefelde das letzte RAF-Mitglied der dritten Generation aus der Haft entlassen.

Konsequenzen aus der RAF-Zeit: Zwischen linkem und rechtem Terrorismus

Die Anschlagsserie der RAF waren für die junge Bundesrepublik ein Lackmustest. Dem Kampf gegen den linken Terror der späten 60er und 70er Jahre verdanken wir ermittlerische Strategien wie die Rasterfahndung, aber auch den Grundsatz: Mit Terroristen wird nicht verhandelt. Nach anfänglichen Versuchen auf die Erpressung einzugehen und Gefangene auszutauschen, die nur abermals Gewalt und noch mehr Terror nach sich zogen, verzichtete die Bundesregierung fortan auf solche Einlassungen. Bis heute.

Neu war vor allem die Dimension. Verbrecherische Banden und Serienmörder gab es zu allen Zeiten in Deutschland. Auch spektakuläre Fälle von Raubüberfall, Geiselnahme oder Sprengstoffeinsätzen. Aber die Vernetzung der Terroristen bis in die scheinbar bürgerlichen Kreise und die große Sympathie mit den Attentätern hatte eine ganz neue Qualität. Auch andere Organisationen der Studentenbewegung wie die APO, die „Bewegung 2. Juni“ und prominente Sprecher wie Rudi Dutschke distanzierten sich nie völlig von den Terroristen der RAF.

Durch die RAF-Terrorakte ist es vielleicht zu erklären, dass bis heute viele Organe der Exekutiven und Judikativen in Deutschland auf dem rechten Auge blind zu sein scheinen. Die Bekämpfung von linken Terroristen hat eine lange Tradition. Im Gegensatz dazu scheint für die rechten Umtriebe bis heute zu gelten: Der Nationalsozialismus endete 1945. Das Gegenteil ist der Fall und heute zeigen Statistiken und Studien eigentlich einheitlich, dass die größte Bedrohung von Recht und Ordnung und unserer Demokratie von Rechtsradikalen ausgeht. Und das haben wir womöglich auch der RAF zu verdanken.

Der Baader-Meinhof-Komplex im Kino

Mittlerweile muss man nicht mehr ins Kino gehen, um den Baader-Meinhof-Komplex in der Verfilmung von Uli Edel und Bernd Eichinger zu sehen. Er ist fester Bestandteil des Fernsehprogramms geworden und kann auch über Amazon-Prime gestreamt werden. In den Hauptrollen spielen Moritz Bleibtreu als Andreas Baader, Martina Gedeck als Ulrike Meinhof, Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin, sowie Bruno Ganz und Heino Ferch als polizeiliche Ermittler. Der Film widmet sich der Entstehung der RAF bis zum Deutschen Herbst 1977. Er orientiert sich dabei am gleichnamigen Buch von Stefan Aust. Die Macher betonen ihren Anspruch zu größtmöglicher Authentizität und unterlegen die filmischen immer wieder mit realen Bildern. Trotzdem betonte Eichinger, dass man sich der Realität lediglich annähern könne. Gedeck, Bleibtreu und Wokalek distanzierten sich in späteren Interviews von den durch sie dargestellten Personen, ihre Beweggründe hätten sie nicht nachvollziehen können. Wokalek erklärte, sie habe die Sehnsucht nach einer besseren Welt verstehen können, die Hinwendung zur Gewalt jedoch nicht.

Trailer zu „Der Baader-Meinhof-Komplex“

Der Film ist für Geschichtsinteressierte und solche, die es werden möchten, unbedingt sehenswert. Das Buch kann ich nur empfehlen, wenn jemand gewillt ist, sich durch seitenlange juristische Abhandlungen zu pflügen. Meine eigene Recherche zu Nachkriegsdeutschland, angestoßen durch den Film, habe ich im zweiten Teil meines historischen Romans „Licht und Schatten“ verarbeitet.

Lof Eiländ – oder: Wie sehr kann man sich eigentlich selbst hassen?

Ich gestehe, ich bin ein großer Fan von Trash-TV-Formaten. Menschen, die sich wissentlich und im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte (na ja okay, im Rahmen ihrer Möglichkeiten halt) auf Sendungen wie Love Island (RTL2), Bachelor oder Bachelorette (RTL), Dschungelcamp (RTL), Promi-BigBrother (Sat1) usw. einlassen, können sich nach meiner Überzeugung nicht beschweren, wenn sie vom Fernsehsender vorgeführt und von der versammelten Fangemeinde hochgenommen werden. Die Formate sind hinlänglich bekannt, um vorher zu wissen, worauf man sich einlässt. Es ist die Mischung aus Ekel, Exhibitionismus und Fremdscham, die sie so spannend macht. Und egal wie hoch die Einschaltquoten sind – niemand guckt sowas. Is ja klar!

Liebe hat viele Facetten – Wer findet sein Traum-Date oder sogar die wahre Liebe?

Mancheiner sagt ja, es wäre irgendwie verwerflich, als gebildeter Mensch mit Hochschulabschluss und einem fortlaufenden Lebenslauf Sendungen zu gucken, bei denen Semi-Prominente ihr Innerstes nach außen kehren und Dinge (und Körperteile!) von sich preisgeben, die eigentlich niemand wissen, hören oder sehen wollte. Ganz kann ich dem nicht zustimmen. Ich gucke liebend gern „Dumme-Menschen-TV“. Intellektuelle Menschen, oder die, die sich für solche halten, gucken natürlich nur ARTE oder hören klassische Musik im Radio, während sie die ZEIT lesen. Ich könnte das tun. Natürlich. Wenn ich nach einem langen Tag voll verschiedenster Verpflichtungen endlich auf der Couch liege, WILL ich aber nichts mehr tun, das schon wieder meine volle Aufmerksamkeit erfordert. Ich möchte dann nur noch berieselt werden, mit irgendetwas, dem ich auch dann noch folgen kann, wenn ich mal fünf Minuten nicht zugehört habe.

Deswegen muss man aber noch nicht gleich Trash-TV schauen. Stimmt auch. Aber es ist halt sooooooo lustig!

Melina, Henrik, Aurelia (oben), Luca, Chiara, Marc

Love Island – Worum geht’s überhaupt?

Über Love Island bin ich 2017 zufällig gestolpert, damals lief es in der ersten Staffel und das Konzept war relativ neu. Heterosexuelle Singles beiderlei Geschlechts ziehen in eine Ferienanlage ein, wo sie sich möglichst schnell zu Paaren, den „Kappels“ (eigentlich: couple), zusammenfinden sollen. Immer wieder schickt der Sender neue Singles, die sogenannten „Granaten“, hinterher, die versuchen sollen, die frisch zusammengefügten Pärchen wieder zu entzweien. Bei den „Paarungszeremonien“, die in regelmäßigen Abständen stattfinden, müssen die Singles abwechselnd Farbe bekennen: Wollen sie noch mit dem Kappel vom letzten Mal das Bettchen teilen, oder lieber was bzw. jemand Neues ausprobieren?

Worauf es RTL2 mit dieser Reality-Dating-Show, wie sie das Format selbst nennen, abzielen, liegt auf der Hand: Viel nackte Haut, sexuelle Anspielungen (gern auch ebendiese Handlungen vor laufender Kamera, falls jemand der Beteiligten gleich gar kein Schamgefühl mitgebracht hat) und natürlich Zicken-Terror ohne Ende. Die Kandidat*innen liefern. Und das zuverlässig schon seit der ersten Staffel.

Offiziell geht es natürlich nur darum, die armen Singles aus ihrem Jammertal zu erlösen und in fähige Hände zu übergeben. Zumindest mal für die Dauer der Show. Weiterkommen kann man immer nur als Kappel, Singles scheiden aus. Am Ende winkt dem Final-Kappel ein Scheck über 50.000 EUR, den entweder einer von beiden allein einheimsen kann oder mit dem anderen brüderlich teilen. Kleiner Spoiler: Bisher hat noch kein Kappel der deutschen Show die 50.000 EUR NICHT geteilt. So romantische sind’se dann ja doch.

Für Genre-Kenner sind Shows wie Love Island natürlich noch aus einer anderen Sicht heraus interessant: Sie sind die Talentschmieden für weitere Formate wie das Dschungelcamp und Promi-BigBrother. Der Status „Promi“ wird den Teilnehmer*innen spätestens im Halbfinale verliehen, aber nur wer bestimmte Eigenschaften mitbringt, schafft es künftig in Promi-Shows.

Satirische Zusammenfassung von LoveIsland2020 auf youtube

Die vierte Staffel – Henrik, Aurelia, Sandra

2020 strahlte RTL2 über vier Wochen die vierte Staffel der Ringelpiez-mit-Anfassen-Show aus. Von Ende August bis Ende September suchten die Singles nach dem besten Kappel. Natürlich konnten sich auch hier wieder einige Kandidat*innen besonders hervortun. Henrik, aka „Bon Schlonzo“, reichte schon früh seine Bewerbung für das Dschungelcamp 2021 ein. In dieser Staffel war er der einzige, der für die Zuschauer erkennbar mehr mit seiner Kappel-Dame hatte als Knutschereien und Gefummel. Damit ist die vierte Staffel aus Sex-technischer Sicht eher enttäuschend verlaufen. Immerhin hätte gerade Henrik die Chance darauf gehabt, der erste Eiländer zu werden, der in einer Staffel gleich zwei Frauen in der „Private Suite“ flachlegt. Das hat Sandra aber erfolgreich verhindert.

Das Dreieck aus Henrik, Aurelia und Sandra war dann auch das Staffel-Highlight. Zunächst war Henrik recht schnell auf Aurelia eingeschossen, die kleine Schwarzhaarige hatte sich den Nachkommen des CDU-Politikers Gerhard Stoltenberg gekrallt (ja, Henrik hat schon Promi-Blut mitgebracht. Vermutlich routiert irgendwo die Leiche des Politikers im Grab) und zeigte keinerlei Bereitschaft ihn wieder aus ihrer Umklammerung zu lassen. Zur Besiegelung ihrer dauerhaften „Verkappelung“ kam es dann in der „Private Suite“ bereits in einer der ersten Folgen zu besagtem Akt. Leider hatte sie die Rechnung ohne Henrik gemacht, den der leicht dusselig wirkende Blonde behauptete schon in der Vorstellungsmaz von sich, dass er noch nie verliebt gewesen sei und so betrachtete er Frauen auch eher als Verschleißteil.

Zusammenfassung: Sandra sticht Aurelia bei Henrik aus

RTL2 spielt dieses Spiel natürlich auch extrem geschickt. Um den Schwerenöter in Versuchung zu führen, holten sie drei männliche Eiländer aus der Villa und führten sie drei brandneuen Granaten zu. Als parallels Glamour-Camp zelteten die sechs drei Tage lang abseits der übrigen Teilnehmer*innen. Kaum erschien Granate Sandra auf der Bildfläche, hatte Henrik auch schon vergessen, dass es einmal eine Aurelia bei ihm gegeben hatte, von der er vorher sowieso schon den anderen Jungs im Vertrauen mitgeteilt hatte, dass er sie „körperlich gar nicht so anziehend“ gefunden habe. Körperliche Anziehung ist bei dieser Art Mann wohl zu körperbetontem Matratzensport nicht zwingend erforderlich.

Während also Aurelia vor Eifersucht rasend in der Villa hockte, vergnügte Henrik sich ungeniert mit Sandra. Fotos, die ebendieses nahelegten, ließ man den Zurückgebliebenen in der Villa natürlich zukommen, um die Stimmung noch entsprechend anzuheizen. Bei der nächsten Paarungszeremonie sollten nun die ursprünglichen Kappel-Damen der männlichen In-Versuchung-Geführten vortreten und ein Bekenntnis abgeben: Wollten sie weiterhin an dieser Verkappelung festhalten, oder sich neuorientieren?

Anna wollte ihren Marc zurück und der kehrte auch brav ohne Begleitung aus dem Camp wieder. Das zweite Paar trennte sich einvernehmlich. Und dann kam Aurelia an die Reihe. Sie hatte zuvor noch verkündet, dass sie um Henrik kämpfen wollte und bekannte sich daher jetzt offiziell zu ihrem Kappel. Dumm nur, dass „Bon Schlonzo“ mit der hübschen Blondine am Arm aus dem Camp kam. Nicht nur Aurelia, auch allen anderen Eiländern fielen fast die Augen aus dem Kopf.

Henrik schießt Aurelia ab

Von RTL2 geschickt inszeniert, da man auf diese Weise dem Abtrünnigen auch keine Chance gegeben hat, die Gehörnte in irgendeiner Form auf das vorzubereiten, was da auf sie zu kommen würde. Erwartungsgemäß gab es wilde Flüche, viele Tränen und böse Verwünschungen für Henrik. Zur Kanalisation der aufgestauten Frustration folgte alsbald das beliebte Sahne-Spiel, bei dem jede Eiländerin entscheiden konnte, welchem Eiländer sie gerne eine Portion buntgefärbte Torte mit ordentlich Sahne ins Gesicht drücken möchte. Dreimal darf man raten, wer die meisten Torten einheimste … Groß war hingegen Aurelias Geste, die ihre Torte demonstrativ einem anderen zudachte und zu Henrik nur sagte, er sei ihr nicht einmal mehr eine Torte im Gesicht wert.

Sieger – Tim & Melina

Gewinner der vierten Staffel waren dann Tim und Melina. Nach Aurelias Weggang avancierten Bon Schlonzo und Zweit-Frau Sandra immerhin noch zum Finalpaar, jedoch konnten sie sich am Ende dann doch nicht ganz durchsetzen. Tim hatte sich bei seinem Einzug ähnlich wie Henrik als großer Aufreißer präsentiert, in der Villa zeigte er sich dann allerdings von einer gänzlich anderen Seite. Mit einer Engelsgeduld widmete er sich der schwerst zickigen Melina, ertrug stoisch alle ihre Launen und stutzte sie schließlich tatsächlich so weit zurecht, dass sie es gemeinsam bis ins Finale schafften. Den Umschlag mit den 50.000 EUR zog schließlich Melina und beteiligt Tim mit 25.000 EUR Schmerzensgeld an ihrem Sieg.

Melina zickt Tim an

Die unterhaltsamste Staffel war die coronabedingte Lang-Fassung, von vier Wochen statt bisherigen drei, nicht. Es gab einige Highlights, aber auch viele eher fade Folgen. Trotzdem wächst man mit den Kandidat*innen immer irgendwie zusammen. Es ist dann wie eine Soap, bei der man täglich zuguckt, weil es irgendwie so ist, als blicke man bei den Nachbarn über den Zaun (oder ins Schlafzimmer). Man hat das Gefühl, man kennt sich. Und tatsächlich wird man den einen oder die andere ja wiedersehen, ich tippe auf Henrik (Dschungelcamp oder Promi-BB), vielleicht Tim, Aurelia möglicherweise und vielleicht auch Luca, dessen frühes Ausscheiden irgendwie schade war.

Wie geht’s jetzt weiter?

Spannend ist nach Love Island auch immer: Wie lange dauert’s bis die Schlagzeile über den Äther geht, dass die Kappels sich im wahren Leben ausgekappelt haben? Meistens lässt das Aus nach der letzten Klappe nicht lange auf sich warten.

Zum guten Schluss bin ich dann auch hinter die Erfolgsformel von Love Island gekommen. Im ersten Moment ist es abschreckend, das peinliche Berührtsein überwiegt, aber dann kommt das wohlig-warme Gefühl: Ja, genauso war das – damals mit 12! Hach.

Schade, dass es schon wieder vorbei ist. Ich freu mich schon auf das nächste Fremdschämen-Format. Lange muss ich nicht warten, denn die Bachelorette steht schon in den Startlöchern.

Überraschende Film-Entdeckungen (2)

Manche Filme kommen auf ganz leisen Sohlen und schleichen sich tief ins Herz. Ich mag Filme, die nachhallen. Die man gar nicht auf dem Schirm hatte, weil sie keine Blockbuster mit Mega-Budget sind, die wenig besprochen werden und dann irgendwo im Nachtprogramm der Öffentlich-Rechtlichen laufen. In dieser Rubrik meines Blogs stelle ich solche kleinen Entdeckungen vor.

Genuss-Filme für kalte Winterabende oder laue Sommernächte

Ein paar Jährchen auf dem Buckel und immer noch bemerkenswert

Dieses Mal hab ich drei Filme für euch, die schon ein bisschen älter sind. Nichts desto weniger finde ich, dass sie auf jeden Fall etwas mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Auf geht’s:

Birnenkuchen mit Lavendel (2015)

Der französische Liebesfilm mit dem Originaltitel Le goût des merveilles von Éric Besnard aus dem Jahr 2015 spielt in der Provence auf dem tief verschuldeten Hof der Witwe Louise. Sie versucht ihre beiden Kinder und den Obst- und Lavendelanbau irgendwie zu wuppen, da stolpert Pierre in ihr Leben. Der junge Mann lebt in seiner eigenen Welt, er hat Asperger-Autismus, bei Louise fühlt er sich spontan wohl. Erst bringt er ihre Buchhaltung auf Vordermann, dann das Chaos in ihrem Leben.

Trailer zu „Birnenkuchen mit Lavendel“

Birnenkuchen mit Lavendel ist eine locker-leichte Wohlfühl-RomCom. Die schönen Landschaftsaufnahmen tragen ebenso viel zur Atmosphäre bei wie das unaufgeregte Spiel der Darsteller. Ein Film für einen regnerischen Herbsttag.

Vincent will Meer (2010)

Auch um Menschen mit besonderen Begabungen geht es unter anderem in der Roadtrip-Komödie „Vincent will Meer“ aus dem Jahr 2010. Der junge Vincent (gespielt von Florian David Fitz) leidet am Tourette-Syndrom. Sein vielbeschäftigter Vater (Heino Ferch) hat keine Geduld mit dem Sohn und lässt ihn in einer Klinik zurück, wo Vincent auf die magersüchtige Marie (Karoline Herfurth) und den Zwangsneurotiker Alexander (Johannes Allmayer). Seiner verstorbenen Mutter möchte Vincent den letzten Wunsch erfüllen: In einer Keksdose verwahrt er einen Teil ihrer Asche, den er ins Meer streuen will. Mehr oder weniger freiwillig treten Marie und Alex mit ihm die Reise nach Italien an.

Trailer zu „Vincent will Meer“

Florian David Fritz spielt nicht nur die Hauptrolle in diesem sensiblen Filmdrama, sondern er hat auch das Drehbuch dafür geschrieben. Mit über einer Million Zuschauern war „Vincent will Meer“ der Überraschungshit des Filmjahres 2010 und überzeugte Kritiker ebenso wie Jurymitglieder. Er holte einen Bambi, zwei Bayerische und zwei Deutsche Filmpreise, sowie einen Jupiter. Stehts oberhalb der Gürtellinie und mit einem feinen Sinn für Humor zeichnet Fitz die Beziehung der drei ungleichen Freunde nach. So appelliert der Film auch an Toleranz und Inklusion von Menschen mit Handicaps. Großes deutsches Kino!

Liebe Mauer (2009)

„Liebe Mauer“ ist eine romantische Komödie aus dem Jahr 2009. Sie spielt im Jahr 1989 im geteilten Berlin. Franziska (gespielt von Felicitas Woll) zieht zum Studium in eine günstige Altbauwohnung in Westberlin, direkt am bewachten Übergang zur Ostzone. Schnell entdeckt sie, dass die Einkaufsmöglichkeiten im Osten zwar begrenzt, mit West-Mark aber sehr günstig sind. Bei so einer Einkaufstour reißt Franzi auf dem Übergang von Ost nach West die Einkaufstüte und ihre Schnäppchen kullern über den Asphalt. Der Grenzsoldat Sascha (Maxim Memeth) eilt ihr zu Hilfe und schon verstrickt Franzi sich in eine aussichtslose deutsch-deutsche Liebesgeschichte.

Trailer zu „Liebe Mauer“

Ein wenig Ostalgie bringt „Liebe Mauer“ in die Wohnzimmer, mit dem melancholischen Blick auf eine Zeit, als quer durch Deutschland eine Mauer verlief und das Verhältnis zwischen Ossis und Wessis durch Stacheldraht und Todesstreifen geprägt wurde. Den Nebendarstellern, wie z.B. Anna Fischer als Saschas Schwester Uschi, ist es zu verdanken, dass „Liebe Mauer“ nicht zu schwermütig gerät. Mit klugem Humor gelingt es der Story die Balance zu halten zwischen romantischer Komödie und zeitgeschichtlichem Drama. Noch einmal, großes deutsches Kino!

Teil 1 der „Überraschenden Film-Entdeckungen“ findest du hier!

Kleines Sternchen, großer Streitpunkt – Gendern in der deutschen Sprache

Ich gestehe, ich habe auch damit gefremdelt. Bei jedem männlichen Nomen erst überlegen und dann gegebenenfalls das Wort mit einem Sternchen oder einem Kapitälchen zerhackstückeln, um die weibliche Form miteinzubinden. Es ist mühsam und beim Lesen irgendwie unschön. Muss das wirklich?! Oh ja. Und im Folgenden möchte ich gerne aus meiner Sicht darlegen, wieso.

Ärztin ist nicht gleich Arzt!

Irgendwie war es halt üblich, das männliche Wort zu benutzen und dann eventuelle Frauen einfach mit darunter zu subsummieren. Ist doch logisch, dass es auch Ärztinnen gibt. Weiß doch jeder. Muss man das dann jedes Mal extra dazu sagen?

Ich behaupte: Ja, muss man(n) und frau auch. Ich könnte jetzt anfangen damit, dass wir im Jahr 2020 leben. Frauen üben selbstverständlich dieselben Berufe aus wie Männer, sie machen Karriere und sitzen in Aufsichtsräten und sogar im Bundeskanzler(innen)amt. Das ist zweifellos eine tolle Entwicklung, aber… ja, da kommt jetzt das Aber: Sie verdienen in der Regel nicht dasselbe. Gleich gut ausgebildete Frauen, in derselben Position wie Männer verdienen zwischen 17% und 38% weniger. Und wenn sie Kinder bekommen, wird diese Lücke noch größer. Neudeutsch nennt man dieses Phänomen Gender-Pay-Gap. Wenn man also Ärzte sagt und die Ärztinnen einfach unter den Tisch kehrt, muss man sich doch auch nicht wundern, wenn sie bei der Bezahlung auch vergessen werden, oder etwa nicht?

Das Frauenwahlrecht hatte 2019 100. Geburtstag. Seit 1919 dürfen auch Frauen an die Wahlurne gehen. Bei der nächsten Bundestagswahl werden Menschen beiderlei Geschlechts zum ersten Mal zur Wahl gehen, die sich aktiv nicht daran erinnern können, dass auch ein Mann Bundeskanzlerin sein kann. Tatsächlich war Angela Merkel 2005 aber die erste Frau im Bundeskanzleramt. Im Schloss Bellevue lebte noch nie eine Frau – wenn man von den First Ladies absieht, die neben ihren Männern stehen und freundlich in die Kamera winken durften. Dabei zeigt die aktuelle Corona-Krise weltweit auch, dass es den Ländern, die von Frauen regiert werden, in der Pandemie besser geht als anderen. Wieso sollte man Frau Merkel dann als Bundeskanzler bezeichnen? Käme jemand auf die Idee Herrn Steinmeier mit Bundespräsidentin anzusprechen? 2005 war das noch ein großes Thema. Kann es eine BundeskanzlerIN geben? Oder muss es dann FRAU Bundeskanzler heißen? 2020 glücklicherweise keine Frage mehr. Aber bei den Kommunalwahlen im März diesen Jahres sahen die Stimmzettel für die Bürgermeister*innen und Ländrät*innen immer noch keine weibliche Form vor, obwohl zahllose Frauen für die regionalen Spitzenämter kandidiert haben.

Der Umkehrschluss funktioniert eigentlich zur Illustration meist am besten. „Wenn ich Ärzte sage, meine ich die Frauen natürlich auch mit“, ist ja gern ein Argument gegen das Gendern. Ach so. Ob sich Männer wohl mitangesprochen fühlen, wenn man konsequent nur die weibliche Form benutzt? „Die Ärztinnen auf dem Kongress diskutierten heftig über …“ Bis in die 80er Jahre hinein wurden unverheiratete Frauen als Fräulein bezeichnet. Offiziell war der Begriff bereits seit 1971 im Amtsdeutsch abgeschafft worden. Hätte es wohl ähnlich lange gedauert, wenn man Männer vor der Hochzeit als Männlein bezeichnet hätte?!

Verniedlichen und klein halten

Frauen sind Weltmeisterinnen darin, sich selbst klein zu machen. Das ist einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Männer stehen vorm Spiegel und sehen einen Siegertyp, Frauen stehen vorm Spiegel und sehen Schwachstellen, Makel, Problemzonen. (Nein, natürlich nicht alle. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass das eine Verallgemeinerung ist. Aber tendenziell ist da schon was dran…) Hat ein Manager eine gute Leistung abgeliefert, stellt er seinen persönlichen Beitrag daran heraus. Hat die Managerin gut gearbeitet, wird sie den Erfolg eher ihrem Team zusprechen als sich selbst. Das hat viel mit Sozialisierung zu tun.

Als Mama eines Sohnes fällt mir das häufig auf. Wir wünschen uns zwar gleichberechtigte Partnerschaften und Wahlfreiheit bei der Berufswahl, gleichzeitig halten wir an alten Mustern in der Erziehung unserer Kinder eisern fest. Jungen tragen blau, spielen Fußball und mit Autos. Mädchen haben rosa zu mögen, tanzen Ballett und spielen mit Puppen. Im Ernst? Die 50er haben angerufen, sie wollen ihr Weltbild zurück.

Auch wenn wir uns für noch so emanzipiert halten, tappen wir unbewusst immer noch in die „Männer sind so…“- und „Frauen machen das nicht…“-Falle. Auch feministische Menschen müssen sich selbst das immer wieder vor Augen führen, das ist kein Automatismus. Und nichts anderes macht das Gendersternchen, der Schrägstrich oder der Großbuchstabe mitten im Wort. Sie erinnern uns daran, dass Ärzte auch Frauen sein können. Dass Frauen genauso viel wert sind und genauso viele Rechte haben (sollten) wie Männer und dass wir leider immer noch nicht bei der Gleichberechtigung angekommen sind.

Wir reiben uns an diesem Gendern, wir diskutieren es. Lieber Sternchen? Liebe Ärzt*innen. Oder Großbuchstabe? Liebe ÄrztInnen. Oder doch besser ausgeschrieben? Liebe Ärztinnen und Ärzte. Durch diesen Diskurs tragen wir die Frage „Wie gleichberechtigt sind wir wirklich?“ in unseren Alltag hinein. Und das ist richtig und wichtig! Die Genderdebatte darf keine rein intellektuelle sein, die irgendwo an Unis und in Hörsälen oder Debattierclubs stattfindet, sie muss auf die Straße getragen werden, wenn sich etwas verändern soll. Durch Gendersternchen und Co. ist jeder irgendwann damit konfrontiert. Im Idealfall hinterfrägt er dann, warum wird das so geschrieben? Und schon beginnt die Auseinandersetzung.

Die Ewiggestrige und das Unbequemsein

Natürlich kann man auch auf diesem Weg nie alle erreichen und schon gar nicht überzeugen. Es gibt die Konservativen, die auf ihren althergebrachten Fellen sitzen, als könnte ein Sternchen in einem Wort ihnen diese entreißen. Es gibt auch einen eingefleischten Kern dieser Ewiggestrigen, die wird man mit keinem Argument der Welt hellsichtig machen. Das ist aber auch egal. Die gab es immer und wird es vermutlich auch immer geben. Heute sind wir die, die Vorangehen, wer weiß, in zwanzig oder dreißig oder vierzig Jahren gehören wir vielleicht selbst zu denen, die nicht mehr Schritt halten können und stehen bleiben.

Aber das geschriebene Wort bleibt. Es kann uns alle überdauern. Was mich letztlich davon überzeugt hat, dass die Verwendung von Gendersternchen sinnvoll ist, war der Hinweis eines Autorenkollegen: Gerade wir, die Literaturschaffenden, sollten wissen, welche Macht das geschriebene Wort hat. Aus Gedanken werden Worte, sie werden aufgeschrieben und dann werden Taten daraus. Deshalb ist es wichtig, die Geschlechtergleichheit im geschriebenen Wort sichtbar zu machen. Dadurch gelangt sie von unseren Köpfen hinaus in unser tägliches Handeln. Nicht sofort, nicht heute, aber morgen oder übermorgen. Wir müssen unbequem bleiben und hartnäckig.

Es ist ja auch nicht so, als ob die Gleichstellung einer Frau einem Mann etwas wegnimmt. Gleichberechtigung soll ja nicht bedeuten, wir benachteiligen jetzt einfach alle. Nicht der gut verdienende Manager soll weniger verdienen, sondern die Managerin genauso viel. Die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe hat nicht bedeutet, dass nun gemischtgeschlechtliche Ehen aufgelöst werden müssen. Mit dem Ende der Marginalisierung einer Gruppe soll nicht die Hinwendung zu einem neuen Opferkreis einhergehen, sondern die Erkenntnis, dass alle Menschen gleich viel wert sind, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Religionszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung.

Und denjenigen, die Angst um die deutsche Sprache haben, sei gesagt: Sprache verändert sich. Das hat sie schon immer getan. Ließ doch mal das Nibelungenlied im Originaltext. Kannste nicht? Aha. Natürlich kann man diesen Prozess bedauern und man kann sich auch für den Erhalt von aussterbenden Begriffen starkmachen. Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass die Grammatik so geschliffen wird und man den Eindruck bekommt, dass längst keiner mehr unterscheiden kann, was ein Dativ und was ein Genitiv ist. Aber das ist doch eine andere Baustelle und hat mit dem Gendersternchen erst einmal nichts zu tun.

Das gesprochene Sternchen

Im Großen und Ganzen gendere ich bei Sachtexten inzwischen automatisch. Mir fällt es auch in fremden Texten auf, wenn es nicht konsequent passiert ist. In der Belletristik ist das noch einmal eine andere Sache, aber auch dort kann man bewusst auf neutrale Begriffe ausweichen, um den Textfluss nicht mit Sternchen und Kapitälchen zu unterbrechen. Es geht, man muss nur wollen. Wesentlich schwerer hingegen fällt mir das Gendern beim Sprechen. Am ehesten sage ich dann noch „Ärztinnen und Ärzte“, denn wir soll man das * mitsprechen?

Ich habe aber das große Glück nicht nur in meiner Buch-Bubble, sondern neuerdings auch in meinem politischen Wirkungskreis mit Menschen umgeben zu sein, die mir hier Vorbild sein können. Und ich muss dazu sagen: Diejenigen, die ich am selbstverständlichsten und ruckellosesten genderisiert sprechen höre, sind zu einem ganz großen Prozentsatz Männer!

Vielen Dank dafür, ihr Schwestern im Geiste! Ich bewundere euch und ich werde euch nacheifern und mir die Selbstverständlichkeit abgucken, mit der ihr Ärzt*innen sagt, wenn ihr Ärzte und Ärztinnen meint. Ich finde nämlich, es ist eine Sache, wenn die Betroffenen selbst für sich eintreten und Unrecht anprangern. Noch viel weiter geht es, wenn die Privilegierten ihre Sonderrechte erkennen und dazu benutzen, um mehr Gleichberechtigung herzustellen. Sich für Benachteiligte und Schwächere einzusetzen, ist kein Zeichen von Schwäche. Seine Anteilnahme und das Bestrebtsein etwas zu verändern durch entsprechende Formulierung zum Ausdruck zu bringen, ebenfalls nicht. Auf seinen Privilegien zu beharren und damit Gräben zu vertiefen, anstatt sie zuzuschütten, sehr wohl!

Corona treibt seltsame Blüten – Ein Essay

Seit einem halben Jahr leben wir nun unter dem Eindruck der weltweiten Pandemie. Historisch gesehen keine neue Episode, aber es haben doch einige seltsame Entwicklungen stattgefunden, die ich nicht unkommentiert lassen möchte. Unterm Strich ist es wie mit vielem: Wir hier in Deutschland haben verdammtes Glück. Und wissen es nicht zu schätzen. Wir sind sehr schlecht im glücklich sein. Weite Teile der Welt beneiden uns und wir? Wir jammern. Warum eigentlich?

Kleines Stück Stoff – große Diskussion

Die Ausgangslage

Ich persönlich kann über meine Situation während Corona nicht klagen. Und das sage ich, obwohl ich seit meiner Lungenembolie 2011 atemwegstechnisch ziemlich vorbelastet bin. Meine Lunge dient hauptsächlich noch dekorativen Zwecken, zum Atmen taugt sie weniger. Dieses neue Virus, dieses Corona, das sollte ich mir also besser nicht einfangen. Aber ansonsten, kann ich mich nicht beschweren. Seit März bin ich zuhause, mein Mann auch und mein Sohn auch. Wir haben den Lock-down in einem Einfamilienhaus mit Garten durchlebt. Man konnte nicht raus, das wohl, aber wir hatten ja Platz genug. Mein Homeoffice hielt sich mit Kurzarbeit sehr in Grenzen, es war mit Homeschooling gut vereinbar. Uns hat die Krise auch in der ersten Klasse getroffen. Das kann man schaffen, auch als Eltern-Hilfslehrer. Und unser Sohn tut sich recht leicht. Klar, die Motivation war nicht immer so hoch, aber hey, das Nötigste haben wir gemacht und dann kann man ja auch mal Fünfe gerade sein lassen. Wir haben immerhin Krise!

Mir ist bewusst, dass wir damit extrem privilegiert sind. In einer kleinen Wohnung mitten in der Münchner Innenstadt mit drei Kindern in unterschiedlichem Alter, auf verschiedenen Schulen, vielleicht mit Eltern, die systemrelevant weiterarbeiten mussten und trotzdem irgendwie die Betreuung wuppen sollten – da sah das ganz anders aus! Als Alleinerziehende, die sonst schon schwer um die Runden kommen. Als einsamer Alter, in einem Seniorenheim mit Kontaktsperre. Als Gefangene in einer toxischen Beziehung, die ihrem Peiniger jetzt überhaupt nicht mehr aus dem Weg gehen konnte. Als Kind einer bildungsfernen Familie, wo niemand das Homeschooling in geordnete Bahnen gelenkt hat und vielleicht nicht einmal die nötige technische Ausstattung da war. Als Ärztin, Pfleger, Erzieherin oder Lehrer, die zwar hochgelobt, aber am Ende des Tages doch völlig allein im Regen stehen gelassen wurden. Als Postbotin, Kassierer, Busfahrerin, Reinigungskraft und alle anderen, die zwar genauso systemrelevant sind und waren, aber für die noch nicht einmal geklatscht wurde.

Weltmeister im Jammern

Lustigerweise waren die alle aber nicht diejenigen, die man auf allen Kanälen jammern und klagen hörte. Wahrscheinlich, weil sie vor lauter Zähnezusammenbeißen und Arschbackenzusammenkneifen gar nicht mehr zum Reden gekommen sind. Oder weil andere so viel lauter waren, dass man die, die wirklich Grund zur Klage hatten, gar nicht mehr gehört hat. Gejammert haben die, die unbedingt in den Urlaub fahren wollten. Die ihre jährliche Auslandsreise für ein Menschenrecht halten. Die sich zuhause mit Netflix auf dem Sofa gelangweilt haben, weil keine Partys mehr liefen. Die sich nur amüsieren können, wenn laute Clubmusik dazu schallt und der Champagner fließt. Die nicht ins Stadion durften, um ihren Lieblingsverein anzufeuern. Die keine zehn Minuten beim Einkaufen einen Stofflappen im Gesicht tragen wollten. Die hat man schreien und maulen gehört und hatte dabei oft das Bild eines Kleinkinds vor Augen, das sich schreiend auf den Boden wirft und mit Händen und Beinen um sich schlägt, weil die Mama kein Eis erlaubt hat.

Und jetzt sind wir bei meiner These vom Anfange: Wir sind verdammt schlecht darin, unsere privilegierte Situation zu erkennen und dankbar dafür zu sein. Und auch ein bisschen stolz vielleicht, weil wir sie ja letztlich alle gemeinsam erkämpft haben. Anders als viele andere Länder, ist Deutschland bemerkenswert gut durch die Krise gekommen bislang. Die Fallzahlen haben den kritischen Wert der gerade noch zu verkraftenden Patientenzahlen in unserem Gesundheitssystem nicht überstiegen. Die Maßnahmen, die einige so schwer akzeptieren konnten, haben relativ schnell gegriffen und die Kurve abgeflacht. Die schweren Fälle und die Todeszahlen waren so niedrig wie in kaum einem anderen Land weltweit.

Und genau das ist – paradoxerweise – das Problem. Weil bei uns nicht das Militär die Toten aus der Stadt schaffen mussten, das Gesundheitssystem nicht kollabiert ist, die Ärzte nicht entscheiden mussten, wen sie beatmen und wen sterben lassen, weil wir Kurzarbeit haben und ein Sozialsystem, das Härten abfedert, und einen Staatshaushalt, der Milliarden bereitstellen konnte, um Soforthilfe zu leisten, deshalb entstand anscheinend der Eindruck, es wär ja eh nix gewesen. Krise?! Wo denn?? Wo sind denn die Kranken, die Beatmeten, die Toten?? Alles Fake!

Wenn jeder irgendwen kennen würde, der Corona hatte, schwer betroffen war und womöglich sogar daran gestorben ist, dann würde die Stimmung im Land heute vielleicht anders aussehen. So haben uns die Verantwortlichen sicher durch schwere See gelotst, Entscheidungen getroffen, die sicher nicht immer einfach und vielleicht auch nicht immer absolut richtig waren, aber die unterm Strich zu eben diesem überdurchschnittlich guten Ergebnisse geführt haben, und trotzdem werden sie jetzt attackiert. Deutschland ist das wahrscheinlich einzige Land auf der Welt, in dem Menschen sich beklagen, weil zu wenig gestorben sind.

Krisenzeit ist Wahnzeit

Hochkonjunktur für Rattenfänger

Historiker versichern, Krisen waren schon immer Hochsaison für Verschwörungen und Geschwurbel. Das liegt anscheinend in der Natur des Menschen. Wenn das tägliche Leben unberechenbarer wird, sucht er einfache Antworten. Und dann haben die freie Bahn, die solche scheinbar simplen Lösungen parat haben. Aber Überraschung: Das Leben war nie berechenbar. Auch vor Corona nicht. Und auf komplexe Fragen kann es keine einfachen Antworten geben.

Es ist grotesk, was derzeit auf Sozialen Medien und Plattformen zu finden ist. Eigentlich ist keine Idee krude genug, dass sich nicht doch einer finden würde, der sie glaubt und begeistert teilt. Neben bedauernswerten Kreaturen wie Xavier Naidoo oder Attila Hildmann, spült die Corona-Krise auch allerlei Gewürm aus den Untiefen des rechten Spektrums nach oben, die an solchen nationalen Krisen sowieso immer ihren Hunger nach Hass und Hetze stillen. Trauriger vorläufiger Höhepunkt dieses Spuks war die „Hygiene-Demo“ in Berlin Ende August. Dort marschierten Hans und Grete neben Skinheads und Faschisten, Hippies mit Nationalkonservativen, Impfgegner mit Menschenfeinden und ein kleines Grüppchen erstürmte sogar noch die Stufen vor dem Reichstag. Der Karneval der Doofen war aber nur die Spitze des Eisbergs.

Der Unmut über viele Wochen Lock-down, die Angst vor den Folgen, vielleicht die ganz konkrete Angst den Job zu verlieren, materielle Unsicherheiten, dazu die Restriktionen wie Social Distancing, Maskenpflicht und eingeschränktes Reiserecht, das alles mag bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar sein. Wir alle hadern damit, wünschen uns unser altes Leben zurück. Aber das Problem ist ein Virus! Keine Institution. Es interessiert das Virus nicht, ob wir auf die Straße gehen und seinen Abzug fordern. Wir können Masken doof finden, aber die Wissenschaft ist sich weitgehend einige darüber, dass mit dem Tragen von einfachen Mund-Nasen-Bedeckungen das Übertragungsrisiko gesenkt werden kann.

Kein Grund gleich durchzudrehen!

Das Problem ist halt auch: Wir haben es mit einem neuartigen Virus zu tun, zu dem es noch wenig langfristige Erkenntnisse gibt. Vieles ist durch Trial and Error entstanden. Es wurde gelockert, gewartet, weiter gelockert, gewartet und vielleicht mussten dann Lockerungen auch wieder zurückgenommen werden. Viele Länder, die die Maskenpflicht bereits ausgesetzt hatten, haben sie flott wieder eingeführt, nachdem die Zahlen in die Höhe schnellten. Ob uns das nun gefällt oder nicht.

Der Druck der Reisebranche, die auf ganzer Linie darbte, gepaart mit dem energischen Wunsch der Bevölkerung nach Urlaubsreisen hat dazu geführt, dass in den Sommermonaten nahezu alle Möglichkeiten wieder offenstanden. Was passiert ist, war absehbar: Touristen von überall her, brachten das Virus mit in die Urlaubsziele, dort wurde es fröhlich herumgereicht und reiste mit den Rückkehrern wieder nach Hause. Pünktlich zum Schulstart hat man es jetzt mit gehäuften Positiv-Tests zu tun. Man wird sich nun auch die Frage gefallen lassen müssen, was wichtiger ist. In diesen Zeiten kann halt nicht jeder einfach seinem liebsten Hobby frönen, es bedarf einer kollektiven Beherrschung, um die Bereiche am Laufen zu halten, die unabdingbar sind. Schule, zum Beispiel.

Gefährliches Virus vs. „nur eine Grippe“

Immer wieder hört man ja den Verdacht, es handle sich bei Corona nur um eine Variante der Grippe. Unangenehm, aber in den meisten Fällen nicht tödlich. Gerade jetzt momentan befinden sich relativ wenig Menschen in deutschen Krankenhäusern. Das ist erst einmal positiv, klar. Gleichzeitig häufen sich die Anzeichen, wenn man sich mal ein wenig mit seriösen Studien und medizinischen Artikeln befasst, dass das Corona-Virus auch bei Menschen, die zunächst keine oder nur sehr milde Symptome hatten, schwere organische Schäden anrichten kann. Diese Schäden treten wohl häufig auch erst später auf. Wahrscheinlich können wir heute also noch überhaupt nicht sagen, wie gefährlich das Virus für den einzelnen nun ist oder nicht. Ein Risiko, das man eingehen sollte?!

Kinder wären vielleicht weniger stark von Corona betroffen, hieß es zwischenzeitlich. Dann wieder gab es Studien, die aussagten, sie wären genauso häufig betroffen wie Erwachsene. Und außerdem genauso infektiös. Ganz sicher kann man das wohl noch nicht sagen. Anderen Einschätzungen nach sind besonders Kinder von den später auftretenden Nachwirkungen betroffen mit Schädigungen, die im schlimmsten Fall bis zu einem Multi-Organversagen führen können. Ist das eine Option?!

Oder wieder andere pochen auf die Unterscheidung, ob jemand „an“ oder „mit“ Corona gestorben ist. Das suggeriert, dass derjenige sowieso gestorben wäre und dann kam halt Corona noch hinzu. War aber eh schon alles zu spät. Auch das ist zu kurz gedacht. Ja, es sind häufig Menschen mit Vorerkrankungen und in fortgeschrittenem Alter, die von schweren Verläufen betroffen sind oder sterben. Was aber heißt das denn konkret? Jemand der Asthma hat, oder eine andere chronische Atemwegserkrankung, wahrscheinlich auch Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen, Diabetes oder ähnliche Erkrankungen, bekommen mit Corona ein potentiell lebensbedrohliches Problem. Betroffen sind davon nicht nur Hochbetagte, Diabetes I ist angeboren, geht also quer durch alle Altersschichten. Asthma kann jeder bekommen. Wer garantiert uns denn überhaupt, dass nicht die eine oder andere Erkrankung schon da ist, obwohl sie bislang noch nicht diagnostiziert wurde?

Ein 20jähriger Asthmakranker, der nach der Corona-Infektion stirbt, wäre also sowieso gestorben und darf deshalb nicht in die Corona-Statistik aufgenommen werden? Ich habe auch Asthma. Ich plane mit dieser chronischen Erkrankung noch locker dreißig, gern auch vierzig Jahre zu leben! Medikamentös gut eingestellt, kann man mit einem Diabetes nahezu ohne Einschränkungen leben. Nichtsdestotrotz ist es eine Vorerkrankung, die bei Corona das Risiko enorm erhöhen. Überspitzt formuliert: Wenn jetzt bei einem Autounfall ein Asthmakranker stirbt und der andere Tote schon über 80 war, ist quasi gar nichts passiert?!

Menschenmengen fühlen sich plötzlich ungut an.

Ausweg aus der Krise

Wie soll das jetzt weitergehen? Das Virus löst sich nicht einfach in Luft auf. Das wäre zwar schön, aber das wird einfach nicht passieren. Also bleibt uns nur, mit dem Virus zu leben. In der einen oder anderen Form. Wir sind ziemlich weit gekommen, wenn man sich mal weltweit ein wenig umschaut. In den USA sind inzwischen mehr Menschen an Corona gestorben als Soldaten im Ersten Weltkrieg! Natürlich könnte man jetzt resignieren und die Infektionen einfach laufen lassen. Wir infizieren uns durch, viele werden dadurch resistent werden, einige werden sterben, das ist dann eben so. Der Lauf der Dinge. Abgesehen davon, dass ich jedes Leben für lebenswert und schützenswert halte und der Ansicht bin, dass niemand, schon gar nicht der Staat, das Recht hat, zu entscheiden, wer leben und wer sterben soll, wir sind ja nun schon eine Weile in dieser Pandemie unterwegs!

Wir haben das ganze Land wochenlang lahmgelegt, Betriebe und Geschäfte geschlossen, manche davon an den Rand des Ruin getrieben oder darüber hinaus. Und jetzt sagen wir dann: Ach egal, lasst mal einfach laufen?! Dann hätten wir uns die bisherigen Anstrengungen auch gleich sparen können. Dabei gibt der Erfolg uns doch recht! Viele Länder – darunter auch Schweden und Großbritannien, die anfangs dachten, sie machen es so und lassen die Infektionen mehr oder weniger ungebremst geschehen – blicken doch neidvoll nach Deutschland und wünschen sich im Nachhinein, sie hätten es genauso gemacht! Also: Laufenlassen und das Beste hoffen, is nicht.

Was bleibt uns dann? Am Ende des Tages nur: Arschbacken zusammenkneifen und durchhalten. Versuchen eine neue Balance zwischen „so viel zulassen, wie möglich“ und „so gut schützen, wie nötig“ zu finden. Echte Entspannung wird es erst geben, wenn Medikamente und vor allem eine Impfung gegen das Virus gefunden wurden.

Bis dahin, bleibt solidarisch, schaut aufeinander, haltet durch und bleibt vor allem gesund!

Die Top-10 meiner liebsten Musicals

Ich bin ein großer, nein, ein RIESENgroßer Musical-Fan. Musiktheater ist für mich eine der besten, wenn nicht sogar die allerbeste Möglichkeit dem Alltag für kurze Zeit zu entfliehen. Und ich habe schon eine ziemliche Menge Musicals gesehen, die ich alle liebe. Trotzdem versuche ich hier mal ein Ranking der besten 10 zu erstellen. Subjektiv natürlich. Die Auswahl wird mir nicht leicht fallen, weil es so viele, großartige Shows gibt. Ich diskutier dieses Ranking auch gerne im Anschluss.

Eine Auswahl der Musicals, die ich gesehen habe

Zum ersten Mal ein Musical besucht habe ich mit ungefähr 12 Jahren. Es war die Premiere von Miss Saigon im damals nagelneuen SI-Center in Stuttgart, meine Taufpatin hatte mich mitgenommen. Ich war fasziniert! Schon von dem ganzen Drumherum, aber dann insbesondere von der Show selbst. Die Musik, die Kulisse, die Darsteller (da sah ich auch zum ersten Mal den großartigen Uwe Kröger, in der Rolle des Chris) und natürlich die Landung eines echten Helicopters auf der Bühne! Seitdem hat mich das Musicalfieber gepackt.

Ich habe gerade Revue passieren lassen, was ich alles gesehen habe und wo. Es ist sehr schwer jetzt nur 10 nennen zu dürfen, aber ich bleibe bei meiner eigenen Vorgabe der Top-10. Es wird einfach noch öfter Blog-Beiträge zum Thema Musical und zu den vielen tollen Shows geben müssen, die ich hier jetzt nicht erwähnen kann. Fangen wir an!

Platz 10: Ich war noch niemals in New York

Das Muscial mit den Hits von Udo Jürgens habe ich vor ein paar Jahren im Deutschen Theater in München zusammen mit meinem Mann gesehen. Wir gönnen uns seit unser Sohn so groß ist, dass wir ihn einen Abend lang in die Obhut von Oma, Opa oder Tante geben können, einige Male im Jahr einen Theater-Abend, meist im Deutschen Theater. „Ich war noch niemals in New York“ war eine der ersten dieser Auszeiten. Vielleicht war ich vom Alltag mit einem Kleinkind kulturell ein wenig ausgehungert, aber die Leichtigkeit dieses Musicals, bei dem man jedes Lied auf Anhieb mitsummen kann, hat mich total mitgerissen.

„Ich war noch niemals in New York“ spielt auf einem Kreuzfahrtschiff, an Bord sind drei Paare, die auf ihrer Überfahrt nach New York verschiedene Probleme wälzen. Maria und Otto sind aus einem Seniorenheim durchgebrannt, um sich im Alter noch ein paar Sehnsüchte zu erfüllen. Marias Tochter Lisa, eine ehrgeizige Fernsehmoderatorin, zieht ihre Karriere der Liebe vor und geht mit Ottos Sohn Axel eine Zweckgemeinschaft ein, um ihre Eltern von der Schnapsidee abzubringen. Außerdem sind da noch Fred und Costa, die in einer homosexuellen Beziehung leben und mit den Vorurteilen in ihrem Umfeld kämpfen.

Highlights aus „Ich war noch niemals in New York“

Das Musical feierte 2007 in Hamburg seine Weltpremiere. Neben dem Titel gebenden Song bilden die Evergreens von Udo Jürgens, wie „Siebzehn Jahr, blondes Haar“, „Aber bitte mit Sahne“ oder „Ein ehrenwertes Haus“, den musikalischen Rahmen. Die Handlung wurde entsprechend geschrieben, dass die Liedtexte ins Stück passen – was schon häufiger versucht und nicht immer zufriedenstellend geschafft wurde! In diesem Fall harmonieren Story, Figuren und Lieder jedenfalls sehr gut. 2018 wurde das Musical mit Heike Makatsch, Katharina Thalbach, Moritz Bleibtreu und Uwe Ochsenknecht fürs Kino verfilmt.

Trailer des Kinofilms „Ich war noch niemals in New York“

Platz 9: Mamma mia

Ähnlich wie „Ich war noch niemals in New York“ funktioniert auch das ABBA-Musical „Mamma mia„, die Songs der schwedischen Kultband wurden rund um eine Geschichte gesponnen, die nachträglich die Songtexte miteinander in Beziehung setzt. Ich habe „Mamma mia“ einmal im englischsprachigen Original in München gesehen und einmal im Deutschen Theater, leider in der deutschen Übersetzung. Die Lieder, die man klassischerweise auf Englisch kennt, wirken etwas seltsam, wenn sie übersetzt werden müssen.

Sophie kommt zusammen mit ihrer großen Liebe Sky auf die griechische Insel, auf der ihre Mutter Donna lebt. Sophie und Sky wollen heiraten und dazu möchte Sophie endlich wissen, wer ihr leiblicher Vater ist. Donna, die ein recht ausschweifendes Leben führte, hat gleich drei Anwärter auf die Vaterschaft anzubieten. Kurzer Hand lädt Sophie die drei Männer auf die Insel ein. Donna erhält indes Unterstützung von ihren Freundinnen Tanja und Rosie.

Trailer zum Kinofilm „Mamma mia“

Alle großen ABBA-Hits sind vertreten, von „Super Trouper“ über „Thank you for the music“ bis „The winner takes it all“. Das griechische Ambiente und die romantische Urlaubsstimmung passen optimal dazu. Es wurde 1999 im Prince Edward Theatre in London uraufgeführt und zählt bis heute zu den weltweit erfolgreichsten Musicals. 2008 wurde „Mamma mia“ mit Amanda Seyfried, Meryl Streep, Colin Firth und Pierce Brosnan in den Hauptrollen verfilmt.

Platz 8: Rocky Horror Show

The Rocky Horror Show“ habe ich bereits dreimal auf der Bühne gesehen und jedes Mal hat mich die skurile Handlung, die spritzige Musik und der schiere Irrsinn dieses Stücks aufs Neue mitgerissen. Eingefleischte Fans haben zur Aufführung ein „Care-Paket“ dabei, um an den jeweils passenden Stellen mit Klopapier um sich schmeißen oder einen „Toast“ ausgeben zu können.

Das biedere Pärchen Brad und Janet strandet in einer regnerischen Nacht vor den Toren eines Schlosses. Sie möchten dort eigentlich nur kurz telefonieren, doch sie geraten in die Fänge des exzentrischen Wissenschafters Dr. Frank N. Further und seines Hausstands, darunter die von ihm erschaffene Kreatur Rocky. Frank N. Further zieht Brad und Janet in ein grelles Paralleluniversum aus Travestie, Sexualität und Rockmusik.

Trailer zum Film „The Rocky Horror Picture Show“

Text und Musik stammen von Richard O’Brien und einige Stücke sind inzwischen in die allgemeine Pop-Kultur übergegangen, wie z.B. „The Time Warp“ oder „Sweet Transvestite“. Die englischsprachige Uraufführung fand 1973 im Royal Court Theatre Upstairs vor nur 63 Zuschauern statt. Auf der Bühne stand Tim Curry als Frank N. Further und O’Brien selbst in der Rolle von Riff Raff. Schon damals war das aktive Mittanzen und Mitsingen des Publikums nicht nur erwünscht, sondern Teil der Inszenierung. 1975 wurde das Musical unter dem Titel „The Rocky Horror Picture Show“ verfilmt.

Platz 7: Evita

Evita“ durfte ich auch schon zweimal sehen, beide Male im Deutschen Theater in München und beide Male im englischen Original mit Übertitel. Original ist natürlich auch hier zu bevorzugen, da die meisten Songs im Original bekannt sind, gleichzeitig empfinde ich den eingeblendeten Übersetzungstext immer als etwas störend. Spätestens wenn Evita Perón aber auf dem Balkon steht und „Don’t cry for me Argentina“ singt, bleibt sowieso keine Gelegenheit mehr für einen Seitenblick.

Das Musical ist die Vertonung der Lebensgeschichte von Eva Perón, der Frau des argentinischen Diktators Juan Perón. Der Erzähler Che führt die Zuschauer zurück ins Jahr 1935 als die junge Eva nach Buenos Aires kam, um dort ihr Glück zu machen. Sie kommt aus armen Verhältnissen und erhofft sich in der großen Stadt ein besseres Leben. Dies scheint zum Greifen nahe, als sie den aufstrebenden Politiker Juan Peròn kennenlernt.

Elaine Paige in ihrer Paraderolle als „Evita“

Text und Musik des Musicals stammen aus den Federn von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice. 1978 debütierte es im Prince Edward Theatre in London, die Hauptrolle übernahm Elaine Paige. Deutsche Musical-Stars wie Pia Douwes und Anna Maria Kaufmann begannen ihre Karrieren in der Rolle von Evita. 1996 wurde „Evita“ mit Madonna und Antonio Banderas in den Hauptrollen verfilmt.

Madonnas Musikvideo zu „Don’t cry for me Argentina“

Platz 6: Grease

Beim Musical „Grease“ war ich zuerst skeptisch, ob das Ganze auch ohne John Travolta und Olivia Newton-John funktioniert. Aber die Musik schlägt einfach ein und auch wenn die Schauspieler anderer sind, die 50er-Jahre-Highschool-Lovestory entfaltet auch auf der Bühne ihre volle Kraft. „Grease“ hab ich ebenfalls zweimal in München gesehen.

Sandy beginnt das neue Schuljahr an einer neuen Schule. Sie findet schnell Anschluss an die Mädchen der „Pink Ladies“ und sie trifft unerwartet ihre Sommerliebe Danny wieder, der die Clique der coolsten Jungs der Rydell Highschool anführt. Anders als in den Ferien gibt sich Danny vor seinen Kumpels cool und unnahbar. Sandy ist enttäuscht und dann macht sich auch noch die Anführerin der „Pink Ladies“ über ihre biedere Art lustig. Zeit für einen Imagewechsel!

Trailer zum Film „Grease“

Bei „Grease“ dürfte die Verfilmung bekannter sein als das Musical. Die ursprünglichen Songs der Bühnenversion wurden nach dem Erfolg des Films um einige Titel aus dem Film ergänzt und neu arrangiert. Text und Musik stammen von Warren Casey und Jim Jacobs. Die Uraufführung fand 1972 im Eden Theatre am Broadway statt. Dort wurde es in den nächsten Jahren mehr als 3.300 Mal aufgeführt und gehört zu den am längsten am Broadway gelaufenen Musical-Shows. Die Verfilmung mit John Travolta und Olivia Newton-John stammt aus dem Jahr 1978 und ist ein Straßenfeger, der seither jedes Jahr mindestens ein Dutzend Mal im TV läuft.

Platz 5: Das Phantom der Oper

Es ist ein wenig soetwas wie die Mutter des Musicals, finde ich jedenfalls: Andrew Lloyd Webbers latent gruseliger Dauerbrenner „Das Phantom der Oper“ nach dem gleichnamigen Roman von Gaston Leroux. Ich hab’s während des Studiums in Stuttgart gesehen und mag vor allem die düstere Atmosphäre und die fast opernhaften Stücke, wie „Engel der Muse“ und „Die Musik der Nacht“.

Christine ist eine unbekannte Chorsängerin im Ensemble der Pariser Oper. Doch in den Katakomben des alten Gebäudes haust ein Monstrum, das sowohl die Oper als auch Christine als sein Eigentum betrachtet. Das Phantom wünscht, dass Christine die Hauptrolle singt und er will sie für sich in seinem unterirdischen Reich. Christine kann sich nur schwer dem Sog der Kreatur entziehen. Raoul, ihre Jugendliebe, versucht alles, um Christine zu retten.

Szenen aus dem Musical „Phantom der Oper“

1986 wurde „Das Phantom der Oper“ uraufgeführt und kam seitdem in 27 Ländern auf mehr als 130 Millionen Zuschauer. Es gilt als eines der beliebtesten Musicals überhaupt. Die deutsche Uraufführung fand 1988 im Theater an der Wien statt, Hamburg baute dem „Phantom der Oper“ ein eigenes Schauspielhaus, die Neue Flora. Dort lief es elf Jahre lang von 1990 bis 2001 ununterbrochen. 2013 kehrte es nach 12 Jahren Pause in die Neue Flora zurück. Die größten deutschen Musical-Stars wie Uwe Kröger und Anna Maria Kaufmann überzeugten in den Rollen von Christine und dem Phantom. 2004 kam die Verfilmung in die Kinos.

Trailer des Films zum „Phantom der Oper“

Platz 4: Tarzan

Tarzan“ hab ich zum ersten Mal 2010 in Hamburg in der neuen Flora gesehen und dann noch einmal vor einigen Jahren in Stuttgart. Leider hatte ich beide Male nicht das Glück Alexander Klaws in der Titelrolle zu sehen. Unabhängig davon war ich vom Schwung der Musik, von der mitreißenden Performance und dem beeindruckenden Bühnenbild beide Male vollkommen geflasht. Wenn die Darsteller an Seilen über den Köpfen des Publikums hängen und hin- und herschwingen und gleichzeitig noch singen, dann ist man völlig im Dschungelfieber.

Tarzan wächst als Waisenkind in einer Gorillaherde auf. Gegen den Willen des Alpha-Männchens Kerchak zieht Gorilladame Kala das Kind auf und Tarzan erobert sich einen Platz in der Herde. Als der englische Naturforscher Professor Porter mit seiner Tochter Jane in den Dschungel kommt, lernt Tarzan seine menschliche Seite kennen.

Das Show-Ensemble von „Tarzan“ bei „Willkommen bei Carmen Nebel“

Das Musical „Tarzan“ gehört zu den Disney-Musicals, die auf Grundlage eines Disney-Films entstanden. Die Musik dazu stammt von Phil Collins und ist mit Hits wie „Dir gehört mein Herz“ und „Zwei Welten“ schon vorher vielfach ausgezeichnet gewesen. Phil Collins hat bereits für den Film die Musik in mehreren Sprachen selbst arrangiert und eingesungen, deshalb stammt auch die deutsche Version von ihm selbst. Das Musical feierte 2006 seine Premiere am Richard Rodgers Theater in New York. Für die deutsche Uraufführung 2008 wurden durch ein Fernseh-Casting Darsteller gesucht, engagiert wurden schließlich Anton Zetterholm und Elisabeth Hübert. Der erste DSDS-Sieger Alexander Klaws übernahm die Titelrolle von Zetterholm ab 2010.

Mit Alexander Klaws hinter den Kulissen von „Tarzan“

Jetzt wird es spannend in meinem Ranking. „Tarzan“ hat ganz knapp den Sprung aufs Treppchen verpasst. Wirklich knapp! Ich liebe „Tarzan“. Aber die drei Musicals die jetzt noch kommen, die liebe ich eben noch einen klitzekleinen Ticken mehr. Wer steht auf euren Gold-Silber-Bronze-Positionen? Verratet mir eure Top3 in den Kommentaren!

Platz 3: Tanz der Vampire

Bronze geht an Roman Polanskis „Tanz der Vampire„, nach dem gleichnamigen Film von 1967. Ich habe das Musical zuerst im Stuttgart gesehen, später noch mal in München. Ich liebe die Musik, die Atmosphäre, wenn die Vampire zwischen den Zuschauern auftauchen, und ganz besonders liebe ich das Duett „Totale Finsternis“, das an Bonnie Tylers „Total eclipse of the heart“ angelehnt ist.

Professor Abronsius und sein Gehilfe Alfred sind nach Transilvanien gekommen, um die Vorkommnisse von Vampirismus dort zu erforschen. In einem gottverlassenen Dorf stoßen sie auf Hinweise, dort schützt man sich mit jeder Menge Knoblauch. Im Schloss lebt Graf Krolock, der ein Auge auf die schöne Wirtstochter Sarah geworfen hat, er lockt das Mädchen auf sein Schloss. Alfred und der Professor ziehen los, um Sarah vor den Vampiren zu retten.

Der Cast von „Tanz der Vampire“ bei der Weihnachtsshow von Helene Fischer

„Tanz der Vampire“ wurde 1997 im Raimundtheater in Wien uraufgeführt. Regie führte Polanski selbst. Die Musik stammt von Jim Steinman, der für die Musicalsongs Anleihen aus anderen Werken benutzte, die er schon früher für andere Künstler geschrieben hatte, darunter neben Bonnie Tylers Hit, Anklänge aus Meat Loafs „Bat out of hell“-Album und von David Bowie. Die Rolle von Graf Krolock wurde zunächst von Steve Barton gespielt, der 2001 mit nur 47 Jahren verstarb. Nach ihm bekleidete diese Rolle u.a. Mark Seibert. Alexander Klaws war in der Rolle des Alfred zu sehen.

Platz 2: Elisabeth

Die Silbermedaille geht an „Elisabeth„. Dieses Musical habe ich zum ersten Mal in Wien im Theater an der Wien gesehen, mit Uwe Kröger als Tod und Pia Douwes als Elisabeth. An diese Aufführung, nach deren Verlassen ich mich quasi immer noch mitten in der Kulisse befunden habe, reichte keine andere danach mehr heran. Ich habe das Stück aber noch zweimal gesehen, einmal in Stuttgart und einmal in München. Dabei konnte ich auch den Wandel miterleben, der manchmal mit solchen Werken geschieht, die sehr lange laufen und dann leichte Änderungen im Ablauf, in der Choerographie oder in der Liedfolge erfahren.

„Elisabeth“ ist die unverkitschte Version der Lebensgeschichte der österreichischen Kaiserin Sisi, die sehr jung von Kaiser Franz-Josef zur Gemahlin erwählt wurde und danach an dieser Rolle schier zerbrach. Franz-Josefs Gegenspieler im Musical ist der Tod, der von Beginn an seine Hand nach Elisabeth ausgestreckt hat und sie immer wieder zu locken versucht. „Elisabeth“ zeichnet ein bedrückendes Bild einer zerrissenen Frau, die sich in ihrem Umfeld stets unverstanden fühlte und mit der Welt haderte, bis sie ein Attentäter jäh aus dem Leben riss.

Der erste Akt von „Elisabeth“

Die Musik stammt von Michael Kunze und Sylvester Levay. Das Musical wurde 1992 im Theater an der Wien uraufgeführt. Douwes und Kröger waren die Urbesetzung der Elisabeth und des Tods, Kröger wurde später von Mark Seibert abgelöst. Das Stück „Wenn ich tanzen will“ wurde erst 2001 eingefügt und seitdem aber in den meisten Inszenierungen übernommen.

Platz 1: Aida

Auf meinem unangefochtenen Platz 1 steht „Aida„, wohl gemerkt: das Musical, nicht die Oper! Die Handlung ist dieselbe, hab ich mir sagen lassen, gesehen habe ich die Oper nämlich bislang noch nicht. Die Musik des Musicals stammt von Elton John und Tim Rice und wie nicht anders zu erwarten, jagt ein Ohrwurm den nächsten. Nach der Aufführung hab ich mir die CD gekauft und rauf und runter gehört. Wenn also mal irgendwo ein Darsteller ausfällt, kein Problem: Ich kann sie alle!

„Jede Fabel und Geschichte, jedes Drama, jedes Stück,
handelt von demselben Thema: Was ist Liebe? Was ist Glück?“

Mit dieser Textzeile aus der Ouvertüre, ist eigentlich auch schon alles gesagt. Aber darüberhinaus geht es um die schöne Pharaonentochter Amneris, die den Kriegshelden Radames heiraten will. Radames Vater sieht in dieser Verbindung die Chance für seinen Sohn einmal selbst auf dem Thron zu sitzen. Der interessiert sich aber nicht für die Ehe. Nur die nubische Sklavin Aida scheint die Sehnsucht zu verstehen, die in seinem Herzen brennt.

Trailer zum Musical „Aida“

Guiseppe Verdis Oper von 1871 bildet die Vorlage für Elton Johns Musical, das erstmals bereits 1998 in Chicago uraufgeführt wurde. Nach einigen Änderungen hatte es 2000 im Palace Theatre am Broadway seine Premiere als „Elton John & Tim Rice’s Aida“. Es gewann danach zahlreiche Preise, darunter vier Tonys und einen Grammy. Die deutsche Version von Michael Kunze hatte 2003 im Colloseum Theater in Essen seine Uraufführung. 2008 gab es Gerüchte über einen disneyproduzierten Film zum Musical, angeblich sollten Beyoncé Knowles und Christina Aguilera die weiblichen Hauptrollen angeboten worden sein.

Das waren sie, meine Top10 der besten Musicals. Da blieb jetzt leider vieles auf der Strecke, das genauso Beachtung verdient hätte. Aus der Reihe der Disney-Musicals habe ich auch „Der König der Löwen“ gesehen, allerdings gefiel mir persönlich die Umsetzung nicht so gut. Die Musik von Elton John ist natürlich trotzdem genial. „Chicago“ habe ich am Broadway gesehen mit Huey Lewis als Gaststar in der Rolle des Anwalts, schon allein wegen der Location ein unvergessliches Highlight. Ich mag aber auch die frühen Musicals wie „Cabaret“ oder „My fair lady„, beim Hippie-Klassiker „Hair“ hab ich mich gefragt, wie viel LSD bei der Produktion konsumiert wurde, aber auch neuere Stücke konnten mich durchaus überzeugen, wie „The Addams Family“ und „The Band„. Einen wirklich ganz besonderen Abend verlebten wir bei „Ab in den Süden“ in der Stadthalle Mainburg – durchaus genau in dieser Kombination empfehlenswert. Deshalb wird dieser Beitrag auch nicht der letzte auf diesem Blog gewesen sein, der sich mit Musicals befasst.

Der Kreuzfahrt-Check

Kreuzfahrten boomten vor Corona wie kaum ein anderer Touristikzweig. Wie sich diese Reiseform in Zukunft entwickeln wird, muss man abwarten. Zu hoffen wäre, dass die Schiffe kleiner und nachhaltiger, das Angebot überschaubarer und die Preise moderat werden, sodass die Vorteile dieser Urlaubsform sich mit einem ökologischen Bewusstsein in Einklang bringen lassen. Derzeit liegen die Pötte im Hafen, ich nutze die Zwischenzeit, um mal von meinen bisherigen Erfahrungen zu berichten.

Schier unermässliche Auswahl von Schiffen, Routen und Entertainment

Warum Kreuzfahrten?

Ich möchte hier keine Umweltdiskussion vom Zaun brechen. Massentourismus schadet der Umwelt, egal in welcher Form er auftritt. Mir ist bewusst, dass sich mein persönlicher ökologischer Fußabdruck mit jeder Reise vergrößert. Ich jette auch nicht x-mal im Jahr um die Welt. Meistens reicht es eh nur für eine Urlaubsreise pro Jahr und die steht dann, vom Erholungsfaktor mal ganz abgesehen, auch für die Weitung des Horizonts und ein Eintauchen in andere Länder, Kulturen und Genüsse. Für meinen Sohn ist es mir wichtig, dass er von klein auf mit anderen Menschen und ihrer Kultur in Berührung kommt, nicht nur im Fernsehen oder in Büchern, sondern real. Vor Ort.

Gleichzeitig haben wir 2017 auf unsrer Irland-Rundreise bereits festgestellt, dass jeden Tag an einem anderen Ort mit einem kleinen Kind anstrengender ist als unter Erwachsenen. Alle Habseligkeiten im Rucksack oder Koffer von A nach B schleppen, kurz auspacken, alles wieder einpacken und weiterziehen. Die Kreuzfahrt versprach den unschlagbaren Vorteil, dass das Hotel quasi mitkommt. Der Koffer bleibt einfach stehen und trotzdem kann man jeden Tag woanders sein und neue Dinge erkunden. Außerdem übten Schiffe schon immer eine magische Anziehungskraft auf Vincent aus. Deshalb entschlossen wir uns 2018 zu einer Mittelmeerkreuzfahrt. Und, so viel kann ich schon verraten, waren so begeistert, dass wir das 2019 noch einmal wiederholten.

Meine erste Mini-Kreuzfahrt – AIDAblu, 2010

Nach unserem Indien-Rucksackabenteuer 2009 war die kleine Kreuzfahrt, die ich mit meiner Kommilitonin und einer weiteren Freundin 2010 antrat, ein kleiner bis mittelgroßer Kulturschock. Die letzten Jahre war ich eher indiviual gereist, hatte mich von Touristen-Hotspots eher ferngehalten und auch mal neue Wege beschritten, anstatt den ausgetrampelten zu folgen. Da war es beileibe nicht logisch, auf ein so riesiges Schiff zu gehen und mit tausenden anderen den Speiseraum zu teilen!

Image-Film zur AIDAblu von 2010

Meine Reisepartnerin Nicole, die wie ich Tourismus-Management studiert hat, bekam das Angebot die AIDAblu auf ihrer ersten Fahrt zu begleiten: Vier Nächte ab Hamburg, Stopps in Oslo, Kopenhagen und Warnemünde, Übernachtung in einer Balkon-Kabine. Wir verbanden diese Fahrt mit ein paar Tagen in Hamburg, übernachtenen im Lindner Hotel Hagenbeck am Tierpark, besuchten diesen natürlich auch, außerdem das Musical „Tarzan“ und schauten uns ein wenig die Stadt an. Dann ging es an Bord der nagelneuen AIDAblu.

Beim Auslaufen genossen wir gleich einmal den Vorzug unserer Balkon-Kabine, da wir nicht mit allen anderen oben an Deck im Wind stehen mussten, sondern bequem in der kabineneignen Hängematte schaukeln konnten und gleichzeitig das Stadtpanorama Hamburgs an uns vorbeiziehen sahen. Beim Abendessen holte uns der Pauschaltourismus dann gnadenlos wieder ein: Beginn der Abendessenszeit um 18:00 Uhr, bedeutet um 17:45 stehen tausend Mann an der Tür und wollen gleichzeitig ans Buffet! Schnell kamen wir dahinter, dass nur antizyklisches Essen-Fassen gegen das Gedränge am Buffet wirkt. Die Auswahl war wirklich sagenhaft und die Aussicht aus den bodentiefen Glasfenstern zum Heck des Schiffes gigantisch. Für den Poolbereich war es im April in der Nordseeregion noch zu kalt, da kam uns wieder der Balkon sehr zugute. Abends genossen wir die Bars und das Showprogramm.

Unser erster Stopp war Oslo. Wir gingen auf eigene Faust von Bord und erkundeten die Stadt ohne Reiseführer und Landgangprogramm. Das funktionierte gut und wir hatten für ein paar Stunden wieder das Gefühl individuell zu urlauben. Spektakulär war natürlich die Weiterfahrt durch den Oslo-Fjord. An Deck war es allerdings ungemütlich, windig und kalt, weshalb wir wieder auf unseren Balkon auswichen. Am andren Tag machte die AIDAblu im Hafen von Kopenhagen fest. Auch ihr verzichteten wir auf geführtes Programm und ließen die Stadt in einem Spaziergang auf uns wirken.

Den einzigen Tag auf See verbrachten wir mit ein wenig Wellness, wobei wir feststellen mussten, dass geübte Kreuzfahrer ihre Anwendungen bereits vor Reiseantritt buchen und somit für uns nur noch Restplätze blieben. Einen Tag lang kann man sich auf einem so großen Schiff gut beschäftigen, wie man das jedoch bei einer Atlantiküberquerung mehrere Tage hinbekommt, blieb für uns offen. Am letzten Abend erfuhren wir, dass für unsere fünftägige Reise satte 8.000 Liter Rot- und 6.000 Liter Weißwein, 34.000 Eier und 47 Kilometer Klopapier verbraucht wurden. Welche unglaubliche Logistik hinter so einem Kreuzfahrtschiff steckt, wurde damit am Rande deutlich.

Fazit:
Die AIDAblu war nagelneu. Die poppig-bunte Aufmachung gehört zum Programm und wurde konsequent umgesetzt. Das Essen war hervorragend und wenn man nicht zu den absoluten Stoßzeiten ans Buffet ging, war auch das Platzangebot im Restaurant gut. Es gab mehrere Bars und Restaurants zur Auswahl, so viele, dass wir in fünf Tagen gar nicht alle nutzen konnten. Selbiges gilt auch für das Entertainment-Programm, das durchwegs auf sehr hohem Niveau war. Die Balkon-Kabine war der absolute Luxus und gerade zu der kühlen Jahreszeit in der Nord-/Ostsee sehr angenehm. Die Route bot viele Highlights, auch für so kurze Reisedauer. Oslo und Kopenhagen sind mir beide in guter Erinnerung geblieben.

Blick vom Balon unserer Balkonkabine

Das erste Mal mit Kind – MSC Lirica, 2018

Als kleine Familie beschlossen wir also dann 2018 wieder auf Kreuzfahrt zu gehen. Wir entschieden uns für eine Mittelmeertour ab Venedig und reisten mit dem Auto an. Mit einem Zwischenstopp in Villach kamen wir gut durch und parkten unser Fahrzeug am Hafen für eine Woche ein. Wir hatten eine Außenkabine ohne Balkon und unser zu diesem Zeitpunkt Fünfjähriger hatte ein Klappbett schräg über unserem Bett. Die Kabine war sehr klein, aber zum Schlafen allemal ausreichend. Unser Schiff war dieses Mal die MSC Lirica, ein etwas in die Jahre gekommenes, mittelgroßes Schiff der italienischen Reederei und bereits beim Check-in zeigte sich, dass die Organisation damals bei AIDA um ein Vielfaches besser gewesen war. Kurzzeitig war ich soweit, dass ich dachte: Ich spring jetzt hinten runter und schwimm zurück an Land, ich halt das hier nicht aus!

Imagefilm der MSC Lirica von 2012

Dieser Eindruck war glücklicherweise nur von kurzer Dauer und schon bei unserem ersten Landgang in Bari/Süditalien war ich wieder versöhnt. Wie schon auf der AIDA erprobt, seilten wir uns zu den Landgängen von den anderen Kreuzfahrern weitgehend ab und erkundeten unsere Haltepunkte auf eigene Faust. Das hat an allen Stadtionen wunderbar funktioniert. Nach dem ersten, etwas unerquicklichen Abend im Hauptrestaurant wichen wir zu allen Mahlzeiten in das große Buffetrestaurant aus. Dort gab es keine fixen Essenszeiten, keine vorgegebenen Tische und Sitznachbarn und außerdem war der Ausblick vom Heck des Schiffes ein bedeutendes Extra zu den diversen Mahlzeiten, das wir wann immer möglich nutzten.

Mitte Mai in der Adria kann man auch Pool und Kinder-Spray-Park bereits gut nutzen. Wir fanden auch meist nach kurzer Suche einen Platz für drei auf dem Liegendeck. Unser Sohn ließ sich nur einmal dazu überreden, das Kinder-Programm zu testen, die übrige Zeit wollte er lieber bei uns bleiben. Unsere Route sah einen kompletten Seetag vor, ansonsten hatten wir Station in Bari, Mykonos, Heraklion/Kreta, Korfu und Dubrovnik. Uns war bei der Wahl der Reise die Route bedeutend wichtiger als das Schiff, wobei man vielleicht auch das nicht komplett außer Acht lassen sollte. Wir hatten Glück, die MSC Lirica ist eben kein ganz riesiges Schiff und war somit für unsere Bedürfnisse eigentlich optimal.

Auch unsere Entscheidung keine Landgänge oder Touren mitzubuchen, war im Nachhinein richtig, weil wir dadurch mit unserem Kleinen flexibler waren und uns einfach treiben lassen konnten. In Bari beispielsweise waren wir relativ früh wieder zurück an Bord und haben die Ruhe im Restaurant und den exklusiven Sitzplatz am Heck mit Blick auf den Hafen sehr genossen. Auf Mykonos hätten wir vielleicht noch schönere Ecken sehen können, wenn wir eine Tour gebucht hätten, fanden aber unseren Rundgang eigentlich auch sehr schön. Heraklion gefiel uns persönlich jetzt am wenigsten, möglicherweise hätten wir auch dort eine Aktivität vom Bordprogramm buchen sollen. Wir hatten uns für die klassische Hop-on/Hop-off-Tour entschieden und die Ruinen von Knossos besichtigt. Auf Korfu waren wir auf dem Achilleion, dem Sisi-Palast, und in der Altstadt. Wunderschön war natürlich die Altstadt von Dubrovnik. Im Gegensatz zu den griechischen Stationen ist Dubrovnik tip-top in Schuss und sehr gepflegt. Auf Mykonos, Korfu und Kreta sah man leider die Krise an allen Ecken und Enden. Obwohl in Dubrovnik mit uns noch vier weitere große Kreuzfahrtschiffe ankamen, war die Stadt nicht überlaufen und man hatte nicht das Gefühl ständig über Touristengruppen zu stolpern.

Fazit:
Die MSC Lirica war nicht mehr ganz neu und zeigte schon deutliche Spuren von Abnutzung. Die ganze Aufmachung war neutraler und gediegener als auf der AIDA. Das Essen war gut, die Organisation leider nicht so. Wir blieben nach dem ersten Abend lieber beim Buffet. Das abendliche Showprogramm im Theatro war wirklich sehr gut und abwechslungsreich, wir waren fast jeden Abend zu dritt dort! Die Kabine war okay, mehr aber nicht. Die Route war ebenfalls sehr abwechslungsreich, wir wollten viel sehen und unternehmen und das haben wir auch bekommen. Dubrovnik und Korfu teilen sich bei mir den Spitzenplatz. Mykonos war auch sehr schön. Am wenigsten gefallen hat mir Heraklion. Bari ist eine Station, die ich auch nicht unbedingt gebraucht hätte, allerdings gehen die allermeisten Ost-Mittelmeertouren über Bari.

Martin & Vincent an Bord der MSC Lirica im Hintergrund kreuzt das Schwesterschiff MSC Opera

Weil’s so schön war, gleich nochmal! – Costa Fascinosa, 2019

Die Erfahrung von 2018 führte dazu, dass wir auch 2019 noch einmal in See stachen. Dieses Mal auf der anderen Seite von Italien, im westlichen Mittelmeer. Die Entscheidung fiel wieder aufgrund der Route, die uns wichtiger war als das Schiff. Dieses Mal fiel die Wahl auf die Costa Fascinosa. Abfahrtshafen war Savona und wir legten dieses Mal zwei Zwischenstopps ein, den ersten am Gardasee, wo wir uns mit bekannten trafen, und den zweiten in der Nähe von Pisa. Auch in Savona war die Unterbringung des Autos während der Urlaubszeit unproblematisch. Schon am Hafen zeichnete sich aber ab, dass die Organisation von Costa um ein Vielfaches besser war als bei MSC.

Imagefilm der Costa Fascinosa von 2014

Unsere Kabine war sehr viel geräumiger als auf der MSC Lirica und das Schiff war größer und moderner in der Ausstattung. Durch die Größe wirkte es allerdings gleich auch unübersichtlicher. Dieses Mal hatten wir von Zuhause schon einen Landgang mitgebucht, wir wollten nämlich in Neapel gern zum Vesus und Pompeji und hatten uns überlegt, dass es vielleicht am einfachsten war, wenn wir das als Ausflug dazubuchten. Tatsächlich war die Organisation des Ausflugs hervorragend und es klappte alles reibungslos, obwohl an diesem Tag dutzende Ausflüge und Touren angeboten wurden. Unsere Stopps in Medina/Sizilien und Valetta/Malta machten wir wieder auf eigene Faust und auch das war sehr schön.

Ein Jahr älter als beim letzten Mal wagte Vincent sich auch schon ein bisschen mehr ans Kinderprogramm heran, was vielleicht auch daran lag, dass eine überlebensgroße Peppa Wutz Bestandteil der Kinderunterhaltung war. Grundsätzlich hätten beide Schiffe, sowohl von MSC als auch Costa, das Eltern-Rundum-Sorglos-Paket angeboten, bei dem man sogar während eines kompletten Landgangs die Kinder auf dem Schiff betreuen lassen hätte können, was wir aber natürlich eh nicht wollten. Enttäuschenderweise war unser Tag in Barcelona, auf den wir uns besonders gefreut hatten, komplett verregnet. So sehr, dass wir von den vielen Sehenswürdigkeiten so gut wie gar nichts zu Gesicht bekamen. Auch die Weiterfahrt über Nacht war stürmisch und unruhig, wobei man auf dem großen Schiff nie das Gefühl hatte, dass es irgendwie brenzlig wäre. Erstaunlicherweise strahlte dann bei unserem letzten Stopp in Marseille die Sonne wieder vom wolkenlosen Himmel. Marseille war für uns eigentlich der ungeliebteste Stopp, weil wir beide unabhängig voneinander schon einmal vor Jahren dort gewesen waren und es nicht so toll in Erinnerung hatten. Der Landgang überraschte uns dann nicht nur wegen des Wetters, sondern vor allem auch, weil wir die Stadt ganz neu kennenlernten und dort eigentlich die beste Station unserer Reise erlebten.

Fazit:
Die Costa Fascinosa liegt optisch irgendwo zwischen der MSC Lirica und der AIDAblu, sie ist moderner als die Lirica und auch nicht so stark abgewohnt, kommt aber in der Ausstattung nicht ganz an AIDA ran. Dadurch dass sie größer ist als die Lirica, fanden wir uns auch erst einmal etwas schlechter darauf zurecht. Das Essen war gut. Nach der Erfahrung auf der MSC ließen wir den Hauptspeisesaal gleich links liegen und konzentrierten uns aufs Buffet. Leider ist der tolle Heck-Ausblick auf der Fascinosa nicht Bestandteil der Mahlzeiten. Das abendliche Showprogramm war gut, wir nutzten es auch ausgiebig, aber die Qualität der Darbietung war auf der MSC und auch bei AIDA besser. Die Kabine war sehr geräumig und ließ nichts vermissen. Für uns das wichtigste Argument war und ist die Route, die gefiel uns bei dieser Tour ausnehmend gut. Der Spitzenplatz geht überraschend an Marseille, dicht gefolgt von Valetta, Medina und Neapel bzw. Pompeji. Trauriger letzter Platz für Barcelona, was einzig und allein dem Wetter geschuldet war. Die erstmalig in Anspruch genommene Ausflugs-Buchung war ein voller Erfolg und im Preis-Leistungsverhältnis unbedingt empfehlenswert. Bucht man die Ausflüge gleich mit, muss man sich vor Ort halt um gar nichts mehr kümmern. Wenn die Organisation dann auch noch so top klappt wie bei Costa, ist das eine wirklich gute Option. Ich hege etwas Zweifel, ob MSC das ähnlich gut hinbekommen hätte, kann es aber nicht wirklich beurteilen.

Die Costa Fascinosa im Hafen von Valetta

Abschließend lässt sich über diese drei Reisen sagen, dass ich diese Art des Reisens sehr schätze. Mein Element ist das Wasser, ich lasse mich gerne vom sanften Schaukeln der Wellen in den Schlaf wiegen und neige auch nicht zur Seekrankheit. Das ewige immer Größer-Schneller-Weiter, wie die Kreuzfahrtbranche das bis Corona betrieben hat, bräuchte ich dabei überhaupt nicht. Ich schätze es, verschiedene Stationen, unterschiedliche Länder und Eindrücke in einer Reise haben zu können, ohne dazu ständig das Hotel wechseln zu müssen. Lange Fahrtstrecken sind bei Rundreisen oft sehr ermüdend und gehen von den eigentlichen Reiseerlebnissen ab. Das ist auf dem Schiff nicht der Fall, denn die Seestrecken können bestens genutzt werden. Die vielen Reedereien mit ihren unzähligen Schiffen bieten für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel etwas, gerade auch mit Kindern ist das eine sehr bequeme Form des Reisens. Logisch ist, dass sich in punkto Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit noch vieles ändern muss. Es wird aber bereits einiges in dieser Richtung getan und ich hoffe, dass vielleicht auch diese Krise, die ja die Kreuzfahrtindustrie wie kaum eine andere Branche lahmgelegt hat, jetzt zum Umdenken anregt und neue Impulse gibt. Dann möchte ich auch nicht ausschließen, dass wir in Zukunft irgendwann wieder einmal in See stechen.

Probleme beim Schreiben (1) – oder: die Sache mit der Romantik…

Als Autorin schreibe ich verschiedene Genres, reine Romance gehört da aber nicht dazu. Auch als Leserin mache ich um sogenannte „Chick-Lit“ (dt. „Hühner-Literatur“; Bücher, die sich an ein vorwiegend weibliches Publikum richten) eher einen Bogen. Aber ganz ohne romantische Gefühle, Liebes- und bisweilen auch Sex-Szenen geht’s halt auch in andren Genres nicht. Wie ich mich diesen „Problemfeldern“ annähere und was ich gegen meinen diesbezüglichen inneren Schweinehund schon alles unternommen habe, erfahrt ihr in diesem Blog-Beitrag.

Was ist romantisch und was kitschig?

Kein „happy ever after“

Ich bin ganz allgemein kein großer Fan von Happy-ends. „And they lived happily ever after…“ ist eher kein Schlusssatz für die Bücher, die ich schreibe und gern lese. Romeo & Julia wäre sicher nicht die größte Liebesgeschichte aller Zeiten geworden, wenn sie sich am Ende einfach gekriegt hätten. Viele große Liebesgeschichten sind deshalb so zeitlos und unsterblich geworden, weil sie eben NICHT gut ausgehen – meine Meinung. Siehe: Effi Briest, Anna Karenina, Die Kameliendame (vertont als Oper „La Traviata“), Othello – um nur einige beispielhaft herauszugreifen. Mit dieser Art der Tragik kann ich tatsächlich mehr anfangen als mit happy-peppy Sonnenschein und Friede, Freude, Eierkuchen.

Mein Debüt-Roman „Burgfried“ aber wurde unter dem Label Romantasy verortet. Also einer Mischung aus Fantasy-Roman und romantischen Anklängen. Tatsächlich spielt die Liebe mit ihren verschiedenen Facetten eine größere Rolle darin. Daneben aber auch Krieg, Schlachtengetümmel, Blutvergießen usw. Auch Sexszenen gab es bereits in meinem Erstling, eine davon eine Vergewaltigungsszene. Und trotzdem hadere ich bei jedem neuen Schreibprojekt wieder, wenn es um Liebes- und Erotikszenen geht. Ich kann eine Horror- oder Gewaltsequenz in einem Ruck runterschreiben, beim nochmaligen Lesen denke ich meist: Joah, passt. Bei Liebesszenen kritisiere ich mich selbst schon im Schreiben und feile danach noch ewig dran herum, ohne wirklich zufrieden zu sein.

Ein bisschen Liebe braucht’s in jedem Genre

Kann ich nicht – mach ich nicht?!

Als Leserin habe ich schon Bücher abgebrochen, vorwiegend aus meinem Lieblings-Lese-Genre, dem historischen Roman. Gerade in dem Bereich kann man in unzähligen Werken nachlesen, wie man’s besser nicht macht. Bei den Romanen von Iny Lorentz, beispielsweise, rollen sich mir die Fußnägel hoch. Das hat für mich nichts mehr mit Romantik zu tun, das ist Kitsch in Reinkultur. Das brauch ich gar nicht. Entsprechend ist es mir beim Schreiben von Historischen Romanen wichtig, mich dagegen abzugrenzen. Der Grat zwischen „awwww, ist das schööööön“ und „Oh Gott, mir wird übel“ ist für mich hier sehr schmal. Ich möchte gerne auf der „awww“-Seite bleiben. Auch mit Sexszenen geht mir das so. Ich habe den zweiten Teil der „Ayla“-Saga abgebrochen, weil ich keine Lust auf einen Steinzeit-Porno hatte. Außerdem habe ich schon öfter beim Lesen bei vermeintlich prickeligen Szenen spontane Lachflashs erlebt, weil es ins unfreiwillig Komische abgeglitten ist (u.a. bei Twilight geschehen). Lachen ist sicher keine negative Reaktion des Lesers, aber sollte halt an Stellen geschehen, wo das beim Schreiben auch so gedacht war.

Vielleicht wäre es ja eine gute Idee, Szenen, die mir schwerfallen, einfach nicht zu schreiben? Könnte man sich ja auch überlegen. Da hab ich kein Geschick für, das überlasse ich dann Leuten, die’s besser können. Aber ehrlicherweise kommt man um die Liebe halt auch irgendwie nicht drumrum. Es muss ja kein Kernthema eines Buches sein, aber ohne amouröse Beziehungen fehlt doch irgendwas, oder? Es gibt ja auch durchaus Vorzüge von Romance in Romanen. Die zwischenmenschliche Ebene charakterisiert eine Figur noch einmal zusätzlich, sie schafft auch Identifikationsmöglichkeiten für die Leserschaft. Ganz darauf verzichten möchte ich deshalb auch nicht.

Außerdem ist Schreiben ein Handwerk. Man kann es lernen, man MUSS geradezu lernen und versuchen sich zu verbessern. Deshalb arbeite ich seit einiger Zeit ganz konkret an meiner „Romance“-Phobie.

Leidenschaft oder Leiden geschafft?

Bei Kolleg*innen nachgelesen

Woran liegt es, dass ich da so fremdel? Ich weiß es selbst nicht. Vielleicht bin ich einfach kein besonders romantischer Mensch und/oder es fehlt mir die Vergleichsmöglichkeit, weil ich solche Bücher ja auch selbst nicht lese. Das war dann auch eine der ersten Gegenmaßnahmen, die ich mir überlegt habe. Schreiben lernt man beim Lesen. Klingt seltsam, ist aber definitiv so!

Gute Liebesliteratur mit einem Augenzwinkern hab ich unter anderem bei den Kolleginnen Karin Koenicke und Hannah Siebern gefunden. Für die eher erotische Liebesschiene hab ich mich bei Hannahs Pseudonym C.J. Crown umgesehen. Ehrlicherweise hatte ich mir gedacht, ich les da halt mal ein, zwei Bücher quer, schau mir ein paar einschlägige Szenen genauer an und dann hab ich einen Eindruck davon, wie die Kolleginnen das machen. Nicht einkalkuliert habe ich, dass mich die Geschichten richtig fesseln würden. Das heißt also: Man kann auch vermeintlich platte Themen geschickt und vor allem ansprechend verpacken. Mein Lieblingsgenre wird die Chick-Lit deshalb sicher auch nicht, aber man kann sich ja hin und wieder dort tummeln. Und ein Blick über den Tellerrand schadet ja bekanntlich eh nie.

Die Balance ist wichtig!

Liebe und Romantik selber (be)schreiben

Mehr oder weniger viel Romance-Anteile hat eigentlich jedes meiner Bücher. Am wenigsten vielleicht die Regional-Krimis. „Bacchus‘ Vermächtnis“ war mein erster Roman, der gar keine Krimi-, Thriller- oder Horrorelemente hat und auch keine historische Kulisse. Es ist ein Schicksalsroman und ein Roadtrip. Der Romance-Anteil darin ist entsprechend hoch. Mein Ziel war es, eine an sich tragische Grundsituation in möglichst lockerem Tonfall zu erzählen. In diese Richtung geht auch mein neustes Projekt mit dem Arbeitstitel „Arabische Nächte“. In beiden Büchern spielt das Thema Krebs eine Rolle, das ist ein dickes Brett zu bohren, die Gefahr ist groß, dass es in Drama und Tränen mündet. Das wollte ich eigentlich nicht. Gleichzeitig konnte ich mit diesen Rahmenbedingungen meinem Grundsatz vom fehlenden Happy-end gerecht werden.

Was sicherlich auch hilft, um mit „Problem-Szenen“ besser zurechtzukommen, ist mehr davon zu schreiben. Ja, tatsächlich nicht andersrum. Mehr schreiben, bringt mehr Erfahrung im Umgang mit den Szenen, die schwerfallen. Eigentlich ist es eine ganz einfache Formel, die für das (erfolgreiche) Schreiben allgemein auch gilt: Viel lesen und viel schreiben. Das formt den eigenen Stil. In meinem kürzlich begonnenen Projekt „Arabische Nächte“ habe ich mir viel Trainingsgelände geschaffen. Erste Testleser haben sich schon positiv geäußert. Scheint, als ob meine Strategie aufginge …

Der NaNoWriMo – oder: Ein Marathon für Autor*innen

Dass es irrwitzige Autor*innen gibt, die jedes Jahr im November um die Wette schreiben, habe ich schon länger beobachtet. 2016 war ich das erste Mal mit am Start, danach hab ich es zweimal erfolglos versucht. Jetzt hat mir der NaNoWriMo aus dem Tal der Schreibblockade geholfen. Wie das funktioniert und was ich aus dieser Erfahrung mitnehme, lest ihr hier!

Logo des offiziellen NaNoWriMo

Die etwas sperrige Abkürzung NaNoWriMo steht für National Novel Writing Month und ist eine Initiative aus den USA. Sie wurde bereits 1999 von Chris Baty ins Leben gerufen. Die Challenge besteht darin, innerhalb der 30 Tage des Novembers mindestens 50.000 Wörter eines Romans zu schreiben. Das ergibt 1.666 Wörter pro Tag. Auf der zugehörigen Homepage können Autor*innen oder solche, die es durch den NaNo werden möchten, registrieren und sich gegenseitig motivieren, inspirieren und aneinander messen. Auch während des Jahres gibt es immer wieder NaNo-Camps und virtuelle Challenges auf verschiedenen Plattformen, die wettbewerbsaffine Schreiber*innen miteinander austragen.

Die Siegerurkunde von 2016

Ich landete 2016 aus purer Neugierde beim NaNoWriMo. Davon gehört hatte ich schon länger und wollte einfach für mich ausprobieren, ob ich das kann. Einfach mal so in einem Monat ein Rohmanuskript heruntertippen. Denn, darin sind sich wohl alle einig, ein Buch entsteht da nicht. Es geht darum, in der vorgegebenen Zeit das Grundgerüst eines Textes zu schreiben.

Im NaNoWriMo 2016 entstand bei mir die Rohfassung von „Bacchus‘ Vermächtnis„, das dann zunächst ein wenig in der Schublade ruhte, aber 2018 von mir tatsächlich veröffentlicht wurde. Von der ersten Silbe bis zum fertigen Buch sind bei „Bacchus“ daher netto nur etwa 4 Monate vergangen. Was für meine Verhältnisse raketenhaft schnell ist. Manche meiner Bücher brauchten Jahre, bis der Text grob stand und mussten danach noch unzählige Male überarbeitet werden. Das kann ich also als erste Erfahrung verbuchen: Schafft man den NaNo, steht das Manuskript in affenartiger Geschwindigkeit!

Cover meines 2018 erschienen Romans „Bacchus‘ Vermächtis“, der im NaNo 2016 entstand

Was hat der NaNoWriMo mir sonst noch gebracht?

  • Vorwärts Orientierung beim Schreibprozess: Ich neige dazu sehr verkopft zu schreiben und während des Schreibens schon wieder halb zu überarbeiten, zu streichen, neu zu formulieren. Das hält unheimlich auf. Im NaNo kommt es darauf an, schnell Masse zu produzieren. Überarbeitung muss bis später warten.
  • Schreibnischen finden und nutzen: Beim NaNo heißt es, täglich mindestens 1.666 Wörter schreiben, jede freie Minute will gut genutzt sein. Und plötzlich tun sich an ungeahnter Stelle über den Tag verteilt Nischen auf, die sich zum Schreiben nutzen lassen. Man muss es nur wollen.
  • Stay tuned: Ich habe immer mehr als ein Projekt laufen und springe wie ein Bienchen von einer Blüte zur nächsten. Mal hier ein bisschen, mal da ein bisschen. So kommt man irgendwann auch ins Ziel. Schneller und effektiver ist es aber, fokussiert an einem Projekt zu arbeiten und sich nicht ständig selbst zu unterbrechen. Beim NaNo ist das Grundvoraussetzung, sonst bringt man die 50.000 Wörter nicht zusammen.
  • Runner’s High: Angeblich verfallen Marathonläufer, die den ganzen Weg durchgehalten haben, hinterher in eine Art Euphorie, eine Welle an Glücksgefühlen über die eigene Leistung. So etwas gibt’s beim Schreiben auch. Und schon währenddessen stellt sich häufig ein Flow ein, der einen gar nicht aufhören lässt und plötzlich sind auch 2.000, 3.000 oder noch viel mehr Wörter am Tag gar nicht mehr unmöglich.
  • Den eigenen Fortschritt beobachten: Anhand der automatisch generierten Statistiken auf der NaNoWriMo-Homepage kann man sich selbst kontrollieren und vergleichen. Das ist jetzt vielleicht nicht zwingend erforderlich, für mich aber ein nettes Gimmick.

Wo liegen die Grenzen des NaNoWriMos? Und für wen eignet er sich nicht?

  • Das passende Projekt: Ob der NaNoWriMo klappt oder nicht, steht und fällt mit dem Projekt. Es gibt Projekte, die kann man nicht in einem Rums runterschreiben. Viel Rechercheaufwand sollte beispielsweise nicht nötig sein, denn Recherche braucht Zeit und hält auf. Das bringt dann das Tagesziel von 1.666 Wörtern schnell in Gefahr. Meine historischen Romane zum Beispiel könnte ich nie innerhalb des NaNos schreiben.
  • Die Geschichte muss mir unter den Nägeln brennen. Sie muss erzählt werden wollen, jetzt. Sofort. Wenn es andere Projekte gibt, die mich gerade mehr reizen (oder die aus anderen Gründen vorrangig gemacht werden müssen), kann der NaNO nicht klappen. Das ist mir nach 2016 zweimal passiert. Ich hatte das falsche Projekt und kam nicht in den Flow. Schade, aber nicht zu ändern. Ich habe den NaNo zweimal abgebrochen
  • Der November ist für mich immer eine denkbar blöde Zeit, um den NaNoWriMo zu starten. In diesen Monat fallen gleich mehrere wiederkehrende Termine, darunter der Geburtstag meines Sohnes. So etwas kollidiert dann natürlich mit der Schreibzeit und macht den NaNo auf jeden Fall noch sportlicher.
Der Verlauf meines NaNoWriMo 2020 (grau)

Dieses Jahr werde ich den NaNoWriMo im November nicht mitschreiben. Ich habe ihn dann schon hinter mir! Weil die Corona-Krise mich in eine Schreibblockade katapultiert hat, habe ich mir aus den oben genannten Gründen einen NaNo verordnet. Vom 1. August an schreibe ich an einem neuen Projekt, für das ich mir die NaNoWriMo-Ziele gesteckt habe. Nach anfänglicher Durststrecke bin ich gut hineingekommen, hab mich eingegroovt und stehe schon sechs Tage vor dem 31. kurz vor der 50k-Wort-Marke. Mein Projekt hat den Arbeitstitel „Arabische Nächte“ und wenn es so weitergeht, wird es nächstes Jahr in die Veröffentlichung gehen.

Leseprobe aus „Arabische Nächte“, NaNoWriMo 2020

Fazit: Scheiß drauf, NaNo ist überhaupt nicht nur einmal im Jahr!

NaNoWriMo ist nicht zwingend der November. Ich werde diese Challenge auch künftig dazu benutzen, gezielt Projekte voranzutreiben, die sich dafür eignen. Dann verordne ich mir einfach selbst einen NaNo. Wichtig ist dabei für mich nur eins: Ich muss das publik machen. Je mehr davon wissen, umso mehr steigt bei mir der Druck, es auch schaffen zu wollen. Die Statistiken erstelle ich mir selbst und halte damit meine Social-Media-Kanäle auf dem Laufenden. Dann klappt das auch künftig mit dem Marathon für Autor*innen!